VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Phoenix (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Nach seinen filmischen Inspektionen des deutschen Ost-West-Verhältnisses schickt Regisseur und Drehbuchautor Christian Petzold seine Stammschauspielerin Nina Hoss nun in ein Holocaust-Überlebensdrama der Stunde Null. Eine aus dem Konzentrationslager nach Berlin heimgekehrte, schwerverletzte Jüdin versucht verzweifelt, an ihr früheres Leben anzuknüpfen. Doch ihr Trauma und die Verdrängungsmechanismen ihrer Umgebung markieren einen klaffenden Bruch zwischen Gestern und Heute. Um diesen schizophrenen Zustand zu verdeutlichen, greift der Film auf eine gewagte geistige Konstruktion zurück: Nelly spielt für ihren Ehemann Johnny, der sie nicht erkennt, ihre eigene Doppelgängerin und testet aus, ob sich die alte Liebe noch wie ein Phoenix aus der Asche retten kann. Die Geschichte basiert auf Motiven des Romans "Le retour des cendres" von Hubert Monteilhet.

Mit Johnny zu üben, in die Rolle einer ihr vermeintlich fremden Frau zu schlüpfen, bedeutet für Nelly einen ständigen Aufschub ihrer Gefühle. Dieser emotionale Suspense sichert dem Film eine eigentümliche, artifizielle Spannung: Der Umgang mit dem Trauma geschieht auf geistiger Ebene, von einer quasi chirurgischen Warte aus. Der wieder einmal großartigen Nina Hoss eröffnet die irrwitzige Maskerade weite schauspielerische Möglichkeiten. Mit der eindringlichen, auf Nuancen setzenden Darstellung kann die übrige Besetzung nicht mithalten. Allgemein wirken die Figuren wie Traumwandler auf einer Bühne. Das spiegelt den historischen und persönlichen Moment der Leere, des allmählichen Erwachens in den Trümmern des eigenen Lebens, beeindruckend wider.

Als geistiges Experiment ist die Handlung zum Teil sperrig realitätsfern: Nellys rascher Verzicht darauf, sich Johnny als seine Frau zu offenbaren, und seine eigenen Scheuklappen bleiben rätselhaft wie manches andere, etwa die Person der Lene, die ihre Not hinter einer taffen Fassade verbirgt. Mit schneidender Schärfe aber werden einige der Lebenslügen dieser Stunde Null offenbart, wie der Wunsch, zu verdrängen. Johnny heuchelt für die Freunde, für sein Image menschliche Anteilnahme, als er Nelly in die Arme schließt. Das kann man auch als Seitenhieb auf die manchmal allzu eloquente deutsche Holocaust-Bewältigung späterer Jahrzehnte verstehen.

Das Berlin des Sommers 1945 ist hier häufig dunkel. In den verfallenden Häusern, die noch stehen, wirkt das gediegene Mobiliar seltsam gestrig. Der dunkelrote Lippenstift, den Nelly bald trägt, setzt einen furiosen Kontrast zum grauen Mangel rundum. Furios zieht auch die Spannung an, obwohl äußerlich wenig passiert, bis zu einem Finale, in dem alles wie magnetisch justiert an seinen Platz fällt. Wegen dieses zwingenden Verlaufs bekommt das Drama eine geradezu geniale Eleganz, die alle sonstige Sperrigkeit des Films überstrahlt.

Fazit: Christian Petzold inspiziert den Schockzustand der deutschen Stunde Null mit einem zunächst verkopft wirkenden Holocaust-Drama, dessen emotionaler Unterstrom jedoch für hochgradige Spannung sorgt.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.