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Mängelexemplar
Mängelexemplar
© X Verleih © Warner Bros.

Kritik: Mängelexemplar (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Langfilmdebüt der Regisseurin und Drehbuchautorin Laura Lackmann basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sarah Kuttner. Es erzählt die Geschichte einer labilen jungen Frau, die nach der Trennung von ihrem Freund den Boden unter den Füßen verliert, im tragikomischen Tonfall der Buchvorlage, wandelt diese aber in den Einzelheiten deutlich ab. Was bleibt, ist die wuchtige Schilderung eines psychischen Ausnahmezustands, der sich nicht per Knopfdruck beheben lässt. Das expressive Spiel der Hauptdarstellerin Claudia Eisinger, besonders aber die plakative Inszenierung kehren die innere Auseinandersetzung der Protagonistin stark nach außen.

Generell sind hier wohl diejenigen Zuschauer im Vorteil, welche die Buchvorlage nicht kennen. Denn schon die ersten beiden Szenen zeigen, dass es im Film ziemlich ungehobelt zugehen wird. Karo schleppt ein Mädchen auf dem Rücken und wirft es von einer Brücke in den Fluss. Als nächstes kreuzt sie aufgelöst in einer psychiatrischen Praxis auf und stammelt, sie habe gerade ihr inneres Kind getötet. Die Buch-Karo tut nichts dergleichen, aber auch sie empfindet ihre psychische Not als unerträglich. Nur setzt der Film eben nicht auf differenziertes Schauspiel und genaue Beobachtung, sondern spitzt zu und treibt Karo zu lauter Musikuntermalung durch die Gegend. Eine der stärksten Romanszenen schildert, wie Karos Kumpelfreund Nelson – der im Film Max heißt, weil er mit dieser Figur zusammengefasst wurde – am Telefon begreift, dass sie eine Panikattacke hat und ruhig auf sie einredet, während er sich auf den Weg zu ihr macht. Hier wird die besondere Spannung des Moments jedoch durch Verknappung glatt verspielt.

Ansonsten bleibt festzustellen, dass es dem Film durchaus gelingt, Karos innere Not in dem Wechsel von Ironie und Ernst abzubilden, der zeigt, dass sie sich in einer Umwälzung befindet. Inszenatorisch lässt sich Lackmann einiges einfallen, um den Tumult in Karos Psyche erfahrbar werden zu lassen. Man hört, wie ihre inneren Stimmen sie im Zustand der Panik bestürmen. Wiederholt drängen sich ihre Fantasien in die Wirklichkeitsebene, reklamieren die Aufmerksamkeit für sich. Aus der namhaften Darstellerriege fällt vor allem Maren Kroymann in der angenehm unaufgeregten Rolle der Therapeutin Annette auf – ein echter Kontrastpunkt im trubeligen Verlauf der Geschichte.

Fazit: Das ironisch gebrochene Drama einer jungen Frau, die eine depressive Lebenskrise erleidet, weist im Gegensatz zum gleichnamigen Roman von Sarah Kuttner einen Hang zur Überzeichnung auf. Für visuelle Reize und flotte Spannung ist dank vielfältiger Stilmittel gesorgt. Die Rollen sind namhaft besetzt, aber schauspielerische Tiefe und realitätsnahe Zwischentöne sind nicht das Hauptaugenmerk der auf drahtige Vereinfachung angelegten Inszenierung.





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