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The Visit
The Visit
© Universal Pictures International Germany

Kritik: The Visit (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Totgesagte leben länger! Diese Binsenweisheit darf auch der Regisseur und Drehbuchautor M. Night Shyamalan für sich beanspruchen, der nach der Thriller-Überraschung "The Sixth Sense" als neues Wunderkind gefeierte wurde, im Anschluss jedoch böse abstürzte. Einen neuen kreativen Tiefpunkt erreichte der Filmemacher vor zwei Jahren mit dem aufgeblasenen Science-Fiction-Blockbuster "After Earth", der sich als gähnend langweilige Two-Men-Show für Will und Jaden Smith entpuppte. Im Anschluss drehte Shyamalan dem großen Hollywood-Geschäft den Rücken zu und brachte sich als ausführender Produzent und Pilotfolgenregisseur in die Mystery-Serie "Wayward Pines" ein. Ein Schritt zurück zu seinen Wurzeln, den auch das selbst finanzierte Folgeprojekt "The Visit" kennzeichnet.

Frei von üblichen Studiozwängen – Genre-Produzent Jason Blum und Verleiher Universal stiegen erst später ein – konnte Shyamalan hier seiner Fabulierfreude frönen und präsentiert dem Zuschauer einen kleinen, garstigen, gleichzeitig aber auch ungemein witzigen Horrorstreifen, der fast ausschließlich an einem Schauplatz spielt. Gewagt ist dabei nicht nur die Mischung aus Grauen und Komik, sondern auch der inzwischen recht ausgelutschte Doku-Stil, den unzählige Billig-Schocker ohne Sinn und Verstand benutzen. Logikprobleme tauchen in diesem Fall spätestens dann auf, als sich im makaber-düsteren Finale die Ereignisse überschlagen. Trotz aller Panik wird selbst an dieser Stelle die Handkamera weiter mitgeführt.

Während viele Found-Footage-Filme irgendwann in den Dauerwackelmodus schalten und den Betrachter damit ermüden, greift Shyamalan nur in ausgewählten Momenten auf hektisch-unübersichtliche Bilder zurück. Etwa als Becca (Olivia DeJonge) und ihr kleiner Bruder Tyler (witzig und sympathisch: Ed Oxenbould) unter dem Haus ihrer Großeltern unbeschwert Verstecken spielen und plötzlich in eine wilde Hetzjagd verwickelt werden. Nicht nur hier übertragen sich die Angst und die Beklemmung der Protagonisten direkt auf das Publikum, was das Mitfiebern umso leichter macht. Wichtig ist in diesem Zusammenhang freilich auch, dass Becca und Tyler – anders als die genretypischen Pappkameraden – nie zu billigem Kanonenfutter verkommen. Im Gegenteil: Das Drehbuch nimmt ihre Sorgen und Probleme ernst und erzählt zwischen den Zeilen sogar von einem Familiendrama, das keineswegs banal oder aufgesetzt erscheint.

Am meisten überrascht an "The Visit" die Verknüpfung von handfestem Unbehagen und schreiend komischen Szenen, was durchaus hätte peinlich werden können. Shyamalan gelingt es allerdings, Verunsicherung und Humor so zu verschmelzen, dass eine eigenwillig-abgründige Stimmung entsteht, die mit einem simplen, aber wirkungsvollen Plot-Twist im letzten Drittel in ein bizarres Horrorszenario umschlägt. Ein Finale, das trotz kleiner Plausibilitätsdefizite schockiert und mitreißt. Auch wenn der schwarzhumorige Schauerstreifen sicherlich nicht alles richtig macht (etwas überflüssig wirken beispielsweise die ständigen Meta-Kommentare zum Filmemachen), entsendet der in den letzten Jahren viel gescholtene Regisseur ein deutliches Lebenszeichen. Hoffen wir, dass er es dabei nicht belässt!

Fazit: Unheilvolle Gruselstimmung und pointierte Situationskomik gehen in M. Night Shyamalans kleiner Horrorübung erstaunlich gut zusammen und sorgen für ein kreatives Comeback des böse abgestürzten Hollywood-Wunderkindes.




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