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Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern
Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern
© Alamode Film © Die FILMAgentinnen

Kritik: Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das in Berlin gedrehte Drama der Schweizer Regisseurin Stina Werenfels feierte auf der 65. Berlinale 2015 in der Sektion Panorama seine Weltpremiere. Zu Recht gab es einen langen, kräftigen Applaus für diesen äußerst mutigen Film, der einen unbequemen Blick auf ein Tabuthema wirft. Obwohl "Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" sich der schwierigen Tehmatik der Sexualität von geistig Behinterten widmet, ist der Film kein für den deutschsprchigen Raum typisches Betroffenheitsdrama. Stattdessen ist Werenfels Adaption eines Theaterstücks von Lukas Bärfuss ein Film, der sich besonders den Grauzonen seiner Geschichte widmet.

Der Film beginnt mit kunstvoll stilisierten Bildern von Doras subjektiver Sicht auf die Welt durch eine Dunstglocke von sedierenden Medikamenten hindurch. Die Darstellung ihrer eingeschränkten Wahrnehmung erinnert ein wenig an den am Locked-In-Syndrom leidenden Protagonisten in Julian Schnabels berührenden Drama "Schmetterling und Taucherglocke" (2007). Doch im Gegensatz zu dem ehemaligen Chefredakteur der "Elle" bei Schnabel, entkommt Dora ihrer geistigen Dunstglocke. Sie entdeckt das Leben; nimmt eine Stelle als Gemüseverkäuferin an und hat ihr erstes sexuelles Erlebnis. Zugleich findet Dora sich jedoch auch mit ihren dauerhaften geistigen Einschränkungen konfrontiert.

Auf beeindruckende Weise schlüpft die Nachwuchsschauspielerin Victoria Schulz in die Rolle von Dora. Ähnlich wie bei dem Dokumentarfilm "(Ke)ein besonderes Bedürfnis" um einen liebeshungrigen Autisten, wird die junge Protagonistin nicht einfach als "arme Behinderte", sondern als eine vollwertige Persönlichkeit dargestellt. Dora hat ihre eigenen Vorstellungen und ihren eigenen Willen. Sie ist eine unbedarfte Heldin, die für ihre Würde kämpft. Schwach sind hier eher die "Normalen" und "Gesunden": Doras rationaler Professoren-Vater (Urs Jucker) ist schlicht überfordert. Doras zur Hysterie neigende Mutter ist überfordert und später auch noch eifersüchtig, da Dora das (gesunde) Kind bekommt, dass sie selbst vergeblich zu bekommen versucht.

Ambivalent ist die Rolle von Doras Liebhaber Peter (Lars Eidinger), der sie zuerst tatsächlich nur auszunützen scheint, später jedoch zunehmend echte Sympathie, wenn nicht gar tiefere Gefühle für Dora zu entwickeln beginnt. Auf den ersten Blick ist Peter ein egoistisches und skrupelloses Ekel. Aber zugleich ist er der einzige Mensch in Doras direktem persönlichem Umfeld, der Doras Mündigkeit voll anerkennt. Doras Mutter hingegen erscheint als eine extrem unfreie und spießige Person, die sich nach außen bemüht der Rolle der sich sorgenden Mama gerecht zu werden, die in Wirklichkeit jedoch ein innerlich zutiefst verunsichertes und zerrissenes Nervenbündel ist. Auch sie muss im Film noch lernen sich "einmal locker zu machen". Obwohl ihr dies halbwegs gelingt, löst sich in "Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" bei weitem nicht jeder Knoten in reines Wohlgefallen auf. Stattdessen verweigert sich der Film leichten Antworten, was ihn umso wertvoller macht.

Fazit: Dies ist ein äußerst mutiger Film um schwierige und unbequeme Fragen, die sich direkt in das spießige Herz des deutschsprachigen Films hineinboren.





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