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Elser - Er hätte die Welt verändert
Elser - Er hätte die Welt verändert
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Berlinale-Tagebuch - Tag 8

Deutschland außer Konkurrenz und ein Debüt

Der heutige Berlinale-Tag ist ein deutscher, mit einem italienischen Einsprengsel, das indes viel Beachtung fand. Während am Morgen der sehr starke Wettbewerbsbeitrag (allerdings außer Konkurrenz) "Elser" von Oliver Hirschbiegel im Berlinale-Palast gezeigt wurde, wird am Abend Wim Wenders an gleicher Stelle den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk erhalten. Anschließend folgt die Aufführung einer digital restaurierten Fassung seines Thrillers "Der amerikanische Freund", mit dem Wenders 1977 seinen internationalen Durchbruch feierte. Zwischendrin war am Nachmittag das im Wettbewerb startende Debut "Vergine Giurata" (Sworn Virgin) der jungen italienischen Filmemacherin Laura Bispuri sehr positiv von den Kritikern aufgenommen worden.

Oliver Hirschbiegel widmet sich in "Elser" einem gescheiterten Hitler-Attentäter, der im Gegensatz zu General von Stauffenberg inzwischen weitgehend vergessen wurde. Anders als von Stauffenberg war Georg Elser ein kleiner Schreiner von der Schwäbischen Alb. Trotzdem wäre ihn am 8. November 1939 um ein Haar ein ganz im Alleingang geplantes und durchgeführtes Attentat auf Hitler geglückt. Hirschbiegel hat bereits mit "Der Untergang" bewiesen, dass er sich hervorragend auf die filmische Behandlung der NS-Diktatur versteht. Auch "Elser" ist sehr eindringlich und bewegend. Der Film wechselt zwischen den oftmals mit Folter verbundenen Verhören nach Elser's Festnahme und Rückblenden in eine teilweise noch unbeschwerte, später jedoch bereits vom Nationalsozialismus überschattete Vergangenheit. "Elser" bietet ein hervorragendes Schauspielerkino, allen voran überzeugt Christian Friedel mit seiner facettenreichen Darstellung von Georg Elser. Für einen deutschen Film ist "Elser" zudem ungewohnt schonungslos in seiner gnadenlosen Darstellung von Folter und Hinrichtungen.

Hirschbiegel führte auf der Pressekonferenz aus, dass über Jahre ein "verzerrtes Bild von Elser" vermittelt worden sei. "Ich hoffe, dass Georg Elser endlich die Würdigung erhält, die ihm gebührt." Seinen Film beschrieb der Regisseur als einen Politfilm, einen Liebesfilm und einen Heimatfilm.

Die Pressevorführung von "Vergine Giurata" begann mit Gelächter und endete mit Applaus. Die Journalisten waren amüsiert über die nicht enden wollenden Titelkarten, auf denen die unzähligen Produktionsfirmen und Filmfördertöpfe aufgeführt wurden, die für die Entstehung der italienischen Produktion verantwortlich zeichnen. Das führte plastisch vor Augen, wie mühsam es sein muss, in Europa Geld für eine Filmproduktion einzusammeln. Am Ende der Vorstellung setzte Applaus ein - und einige Kritiker zählen das Drama nun zu den Favoriten auf einen Goldenen Bären.

Regisseurin Bispuri meinte bei der Pressekonferenz am Nachmittag, dass in ihrem Film auch echte "vergini giurate" (ewige Jungfrauen) auftauchen, die als Frauen das Leben von Männern führen. "Es ist die Geschichte eines Körpers, der lange gefroren war und nun langsam auftaut", erzählte die 37-Jährige. Sie sei stolz, dass mal wieder ein italienischer Film im Wettbewerb laufe. Die Schauspielerin Alba Rohrwacher musste sich für den Film in einen Männerkörper hereinfühlen. "Das erschien mir zunächst unmöglich. Aber dann sei es doch erstaunlich leicht gewesen", berichtete sie.

Hier finden Sie unsere Kritik zu "Vergine giurata"

Hier der Trailer zum Film Elser (Kinostart am 09.04.2015)


In der Spätvorstellung gab es einen weiteren hervorragenden und zudem extrem mutigen deutschsprachigen Beitrag in der Sektion Panorama Spezial. Das deutsch-schweizerische Drama "Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" widmet sich auf beeindruckende Weise dem Tabuthema der Sexualität von geistig Behinderten. Dora ist ein 18-jähriges geistig behindertes Mädchen, das bisher unter stark dämpfenden Psychopharmaka stand. Als die Mutter diese zu Doras 18. Geburtstag entsorgt, erwacht in Dora eine ganz neue Vitalität und Lebenslust, zu der auch ein wachsendes Interesse an ihrer Sexualität gehört. Schließlich lernt Dora einen Mann kennen, mit dem sie Sex hat. Während die Eltern zunächst sicher sind, dass ihre Tochter sexuell missbraucht wurde, äußert Dora selbst, dass sie Spaß an der Sache hatte. Dies ist der Beginn eines schwierigen Entwicklungsprozesses gerade auch für Dora's Eltern. Sie müssen lernen, loszulassen und ihre Tochter wirklich als einen eigenständigen Menschen zu akzeptieren. Zudem werden sie mit einer ganzen Reihe sehr schwieriger Fragen konfrontiert, zu denen der Film einfache Antworten verweigert. "Dora" ist ein sehr bewegender und wichtiger Film, der äußerst gut inszeniert und herausragend gut gespielt ist.



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