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Kritik: Mein Ein, mein Alles (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Drama der französischen Regisseurin Maïwenn erzählt eine dieser verrückten Liebesgeschichten, über deren zerstörerische Dynamik Außenstehende nur den Kopf schütteln können. Tony ist eine vernünftige, lebenserfahrene Frau, aber sie verfällt einem schillernden Egozentriker, der ihr nicht guttut. Georgio wird ihre Obsession und sie die seine – obwohl sie es keine zwei Tage in Harmonie miteinander aushalten. Tonys jahrelanger Leidensprozess vollzieht sich in Etappen, bis sie im Strudel ihrer widersprüchlichen Gefühle vollends die Orientierung verliert. Das intensive, mit zunehmender Dauer auch quälende und schließlich gar enervierende Drama lebt von seinen beiden starken Hauptdarstellern Emmanuelle Bercot und Vincent Cassel.

Die Handlung wird aus Tonys Perspektive in Rückblenden erzählt. Als Klammer und Ruhepunkte zum Atemholen dienen die sehr kurzen, dazwischen geschnittenen Szenen in der Rehaklinik. Dort muss Tony nach dem Skiunfall monatelang mühsam üben, ihr Knie wieder zu bewegen. Eine Therapeutin weist sie gleich darauf hin, dass der Unfall wohl auch psychische Gründe hat. Tony durchlebt aus der Distanz heraus noch einmal die nervenaufreibende Beziehung zu Georgio. Am Anfang sagt er, dass er sie liebt, dass er eine Familie will, aber dann zieht er aus, weil sie ihm zu viel weint. Er will kommen und gehen, wie es ihm passt, sich nicht einschränken lassen. Georgio fühlt sich in seinem Element, wenn er Witze reißt und Tony ihn lachend anhimmelt. Je länger er sein manisches Theater spielt, desto stärker wirkt er auf rätselhafte Weise gestört, reizbar, explosiv. Vincent Cassel gibt Georgio etwas Getriebenes, spielt ihn wie aufgezogen. Emmanuelle Bercot hingegen ist als Tony die Hingabe in Person: Für ihr Eheglück ist ihr kein persönlicher Einsatz zu hoch. Tony wirkt nie schwach oder lächerlich, auch wenn sie sich noch so irrational verhält.

Paradoxerweise aber ist die Geschichte selbst nicht so stark wie ihre Hauptfigur Tony. Was ein vernünftiges Wesen über Jahre hinweg an einen hyperaktiven Narzissten binden sollte, kann sie nicht wirklich vermitteln. Georgio bleibt zu sehr darauf fixiert, um sich selbst zu kreisen. Sein Charakter entwickelt sich nicht, bleibt auch emotional zu wenig fassbar, um auf Dauer attraktiv zu wirken. So ist dies letztlich, bei aller Intensität der Darstellung und Inszenierung, ein Liebesfilm, in dem ausgerechnet das Herz nicht ganz auf seine Kosten kommt. Tonys Leiden drehen sich irgendwann im Kreis und über den nächsten Auftritt Georgios hilft nur noch der Gedanke an ein beruhigendes Getränk nach dem Kino hinweg.

Fazit: Das französische Drama über eine Amour fou lebt vom intensiven Spiel der beiden Hauptdarsteller Emmanuelle Bercot und Vincent Cassel. Der Leidensweg der Frau wühlt auf, während der Mann zu egozentrisch und irrational gezeichnet ist, um auf Dauer sympathisch zu sein. Der kraftvolle Film versteht es, zu polarisieren, aber Romantik und Leidenschaft kommen etwas zu kurz.




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