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Eine deutsche Jugend
Eine deutsche Jugend
© W-Film

Kritik: Eine deutsche Jugend (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Film ist das Langfilmdebüt des 41-jährigen französischen Cutters und Videokünstlers Jean-Gabriel Périot, der in seinen Arbeiten seit jeher die verschiedenen Ausprägungen menschlicher Gewalt hinterfragt und darlegt. Das Besondere an seinem Film ist, dass er auf jegliche Kommentierung und Einordung verzichtet. Ausschließlich auf umfangreiches, seltenes Archivmaterial bauend, muss sich jeder Betrachter einen eigenen Reim darauf machen, wie eine derartige Radikalisierung möglich werden konnte. Der Film ist nicht nur für Geschichts- und Politikinteressierte sehenswert, denn er zeigt ganz allgemein auf, was es für gesellschaftliche sowie politische Ordnungen und Verhältnisse braucht, um junge Menschen in den bewaffneten Widerstand zu treiben. Ein Thema von außerordentlicher Aktualität, damals wie heute.

Wobei ein gewisses Maß an Hintergrundwissen und Kenntnis im Vorfeld des Films unabdingbar ist, um den Film bzw. dessen Aussage vollends erfassen und verstehen zu können. Es war das Ende der 60er-Jahre, als die Protest- und Studentenbewegungen in den USA auch nach Westdeutschland schwappten. Die Studenten lehnten sich in erster Linie gegen das Verdrängen der NS-Vergangenheit auf, die eigenen Eltern, die Obrigkeit und gegen den Kapitalismus, dessen Ziel - so die Ansicht der Studenten - nur darin bestand, Gewinn und Kommerzialisierung zu erreichen. Ziel der Bewegung war es, die "herrschenden Verhältnisse" in der BRD in Frage zu stellen und gegen das autoritäre System zu kämpfen. Zu dieser Generation gehörten Ulrike Meinhof, Horst Mahler sowie der Filmemacher Holger Meins, die später zu führenden Köpfen der Terrororganisation RAF werden sollten.

Diese drei Figuren spielen auch eine tragende Rolle im Film, sie sind immer wieder in kurzen Ausschnitten von Interviews und Reden zu sehen. Zudem zeigt der Film eine Fülle an seltenen, historisch bedeutsamen Ausschnitten und Originalaufnahmen, u.a. von Willy Brandts lange vergessener Rede an das erste Semester der neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) 1966. Im Publikum: Die späteren Vorzeige-Kämpfer gegen den Staat: Meinhof, Mahler und Co. Darüber hinaus zeigt "Eine deutsche Jugend" Szenen von frühen Studenten-Filmen aus den Anfängen der DFFB, bei denen auffällt, dass die Studenten mit ihren Arbeiten vor allem eines wollten: provozieren. Besonders eindringlich und intensiv sind die Aufnahmen von der "Schlacht am Tegeler Weg", einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen der Polizei und Demonstranten, die im November 1968 am Tegeler Weg in Charlottenburg stattfand. Bilanz des Schreckens: 130 verletze Polizisten und 22 verletzte Demonstranten. Schlimm, ohne Frage, aber leider kein Vergleich zu dem, was wenige Jahre später die RAF noch anrichten sollte.

Fazit: Packende, hochinteressante Doku über die Radikalisierung deutscher Studenten, mit einnehmendem, selten gezeigtem Bewegtbildmaterial. Der Film setzt jedoch Vorwissen voraus, da er über keine Off-Kommentierung verfügt.





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