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Se or Kaplan - Ein Rentner räumt auf
Se or Kaplan - Ein Rentner räumt auf
© Neue Visionen

Kritik: Señor Kaplan - Ein Rentner räumt auf (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das uruguayische Werk "Señor Kaplan" ist der zweite Langfilm des Regisseurs und Drehbuchautors Álvaro Brechner. Die Geschichte beginnt als Rentner-Dramödie über die Frustration des titelgebenden Protagonisten. Die schwere Sinnkrise, in der Jacob Kaplan sich befindet, wird hier durch eine Reihe von Vergleichen pointiert aufgezeigt: Im Gegensatz etwa zu Johann Wolfgang von Goethe oder Sir Winston Churchill hat Señor Kaplan bisher – im hohen Alter von 76 Jahren – nicht allzu viel erreicht. Auch visuell wird dieses Minderwertigkeitsgefühl der Hauptfigur gekonnt vermittelt: Als Jacob Kaplan mit seiner Gattin Rebeca zu einem schicken Hochzeitsempfang erscheint, müssen die beiden feststellen, dass sie bei der Planung vergessen wurden – weshalb sie wenig später äußerst beengt an einem Tisch sitzen, an welchem ganz offensichtlich kein Platz für sie vorgesehen war. Die Festlichkeit endet für das Ehepaar im völligen Chaos, nachdem der Nichtschwimmer Jacob in den Swimmingpool gesprungen ist und von seiner verzweifelten Frau gerettet werden muss. Die Höchstwerte auf der Peinlichkeits-Skala werden schließlich erreicht, als die Kaplans beim raschen Fluchtversuch vor aller Augen ein parkendes Auto rammen.

Das erste Drittel des in sommerliche Bilder gefassten Films lebt von Héctor Nogueras tragikomischer Performance, die mal auf amüsante Weise grummelig, mal erschreckend verbittert anmutet. Der Ärger über die Tücken des Alterns erhält ein interessantes Gesicht; überdies ist das Zusammenspiel mit Nidia Telles bei allem Slapstick sehr anrührend. Von Telles hätte man im weiteren Verlauf der Geschichte durchaus gern noch mehr gesehen.

Mit dem Beginn der Betätigung Jacobs als Amateurdetektiv wandelt sich "Señor Kaplan" zum buddy movie. Auch hier gelingt die Balance zwischen Spaß und Ernst weitgehend. Sowohl der Titelheld als auch dessen sidekick – der phlegmatische Ex-Cop Wilson – haben einen leidvollen Hintergrund. Jacobs backstory lehnt sich an die Biografie von Brechners Großvater an – eines polnischen Emigranten. Die beiden Männer werden nie zu Witzfiguren, wiewohl sie sich bei ihrer Observation und Recherche zuweilen reichlich tölpelhaft gebärden. Néstor Guzzini tritt in seiner Rolle als Wilson letztlich gewissermaßen als Fleischwerdung des Sprichwortes "Beurteile ein Buch nicht nach seinem Umschlag" auf. Gegen Ende hält eine Krimi-Dramatik Einzug in den Film; ein Western-artiger showdown führt zum finalen twist. Solcherlei Spielereien hätten aufgesetzt wirken können – funktionieren dank der erzählerischen und inszenatorischen Ausgewogenheit aber erstaunlich gut.

Fazit: Álvaro Brechner ist die Gratwanderung zwischen Comedy und Charakterstudie geglückt. Der Hauptdarsteller Héctor Noguera verkörpert den Titelpart vielschichtig; die Chemie zwischen ihm und seinen Co-Stars Nidia Telles und Néstor Guzzini stimmt.




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