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Kritik: Irrational Man (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Woody Allen dreht trotz seines hohen Alters alljährlich einen neuen Film. Das Crime-Drama "Irrational Man" bietet, zumindest im Vergleich zu seinen vielen Komödien, wenig zum Lachen. Dabei kreist die Handlung mit sarkastischem Biss um philosophische Fragen von Moral und Verantwortung. Darf jemand sein Engagement für Menschen, denen Unrecht geschieht, so weit treiben, dass er sich zum Richter über Leben und Tod aufschwingt? Und sind die Quellen, aus denen sich das individuelle Glücksgefühl speist, immer positiver Natur? Woody Allen beweist nach dem grimmigen "Blue Jasmine" von 2013 erneut, dass er nicht unbedingt altersmilde gestimmt ist – auch wenn seine Komödie des Jahres 2014, "Magic in the Moonlight", wiederum zur harmlosen Sorte gehörte.

Abe Lucas ist zutiefst desillusioniert. Selbst die ehrwürdige Philosophie, die er an der Uni lehrt, verachtet er längst offen. Seine geheimnisvolle Abgründigkeit aber spornt zwei Frauen an, ihn aufzumuntern. Ihre Motive, Abes Nähe zu suchen, schildert Allen mit leisem Spott als durchaus exemplarisch für das weibliche Geschlecht. Abes Kollegin Rita hat Angst vor dem Altwerden und davor, den ersehnten Ausbruch in ein neues Leben allein in Angriff zu nehmen. Jill fühlt sich durch den angesehenen Intellektuellen aufgewertet und in ihrer eigenen Besonderheit bestätigt. Abe ist jedoch so konsequent abgründig, dass ihn nicht die Liebe mit dem Leben versöhnt, sondern die Macht, die er empfindet, als er zum Mörder wird. Im weiteren Verlauf geht es mit kriminalistischer Spannung und leisem Humor um die Ermittlungen und die Frage, ob Abe wirklich ungestraft davonkommen kann.

Allerdings sind die moralischen Grundsatzfragen sehr kopflastig und entsprechend hölzern gestalten sich auch viele Dialoge. Der Wortreichtum wird auch durch die zwei Voice-Over-Stimmen von Abe und Jill vermehrt. Die Charaktere dienen lediglich als Akteure, ohne dass sie emotional ausreichend Kontur gewinnen. Die patente, lebhafte Jill, die von Emma Stone sympathisch gespielt wird, wird fast durchgehend in romantische weiße Blüschen mit Folklore-Stickereien gesteckt – ein Bild jugendlicher Unschuld mit Verführungskraft. Zum Teil liegt es wohl an Allens latentem Desinteresse für Abes Seelenlage, dass Joaquin Phoenix lustlos spielt und meistens irgendwie an der Kamera vorbeischaut. Abe bleibt eine merkwürdig rätselhafte Figur, die von Anfang an zu wenig zu fesseln vermag.

Fazit: Woody Allen verbindet eine geradlinige Krimi-Handlung mit philosophischen Grundsatzfragen über Moral, Macht und Schuld. Die abgründige, sarkastische Geschichte wird mit Romantik gewürzt, aber echte Spannung kommt trotzdem selten auf. Hauptdarsteller Joaquin Phoenix kann mit seiner Rolle nicht viel anfangen und auch der Regisseur selbst widmet dem halbgaren Stoff und seiner Inszenierung wenig Geduld.





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