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Zwischen Himmel und Eis
Zwischen Himmel und Eis
© Weltkino Filmverleih

Kritik: Zwischen Himmel und Eis (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ein Mann schreitet durch einen Eistunnel, seine wettergegerbte Hand gleitet sanft über die kalten, glasigen Wände. "Warum ich?", fragt er sich selbst und das Publikum. War es Zufall, dass ausgerechnet er vor sechs Jahrzehnten in die Antarktis aufbrach und eine entscheidende Entdeckung machte? Nein, es war Schicksal. Die Stimme aus dem Off verrät uns schließlich ihren Namen. Der Mann heißt Claude Lorius und ist 82 Jahre alt. Er erklärt uns die Welt und den Klimawandel. Wir sehen ihn nicht nur im ewigen Eis, auch über Inseln, die von Überflutung bedroht sind, und durch Waldbrandgebiete schreitet Claude Lorius. Die Kamera holt weit aus, gleitet durch Landschaften oder schwebt über ihnen. Mit seiner leuchtend blauen Jacke ist der Protagonist auch aus der Ferne gut zu erkennen. Dann taucht der Film in dessen Vergangenheit ab und nimmt uns mit auf Lorius' Expeditionen.

Bereits der Einstieg des Films enthält all dessen Stärken und Schwächen. In seinen besten Momenten bringt uns Lorius seine komplexe Forschung leicht verständlich näher. Die atemberaubenden Aufnahmen der Landschaften, die dem Klimawandel zusehends zum Opfer fallen, unterstreichen die Dringlichkeit des im Film postulierten Umdenkens. In seinen schlechten Momenten kleistert Regisseur Luc Jacquet diese Kernaussage mit bedeutungsschweren Aussagen, schicksalhaften Prognosen, pathetischer Musik und einer übertriebenen Dramaturgie zu.

Seit seinem Welthit "Die Reise der Pinguine" (2005) hat Luc Jacquet an seiner Arbeitsweise nicht viel geändert. Der Filmemacher bleibt ein Perfektionist, der die Wahrheit im Zweifelsfall etwas verbiegt, um sie in die gewünschte Erzählform zu pressen. Spektakuläre Bilder, eine zugespitzte Dramaturgie und eine prätentiöse Botschaft sind dem Regisseur wichtiger als dokumentarischer Realismus. Das fängt schon damit an, dass Jacquet seinen Protagonisten zwar seine Gedanken äußern, aber nicht selbst zu Wort kommen lässt. Die inneren Monologe, die Claude Lorius führt, gibt der Sprecher Michel Papineschi als Ich-Erzähler wieder. (In der deutschen Synchronisation kommt diese Aufgabe Moderator Max Moor zu.) Und es endet damit, dass Jacquet das Archivmaterial gehörig durcheinander würfelt und am Ton schraubt, um den tatsächlichen Ereignissen mehr Pepp zu verleihen.

Das wäre alles nicht so schlimm, würde Jacquet es kennzeichnen. Doch der Regisseur montiert sein Material so, als hätten Lorius und seine Kollegen bereits vor 60 Jahren eine Dramaturgie im Kopf gehabt. Hier haben filmische Laien an jedes Schnittbild, an jede noch so ausgefallene Kameraposition und Einstellungsgröße gedacht, was dann doch irgendwann die Frage aufwirft, ob es sich tatsächlich ausschließlich um Archivmaterial handelt, das hier als solches präsentiert wird. Gemeinsam mit dem prätentiösen Ton hinterlässt das einen faden Beigeschmack. Bescheidene Mittel sind Luc Jacquet fremd. Beim Franzosen ist immer alles übertriebene Geste, die sich bei näherer Betrachtung zu oft als leere Geste herausstellt. Das macht "Zwischen Himmel und Eis" letztlich zu einem Dokumetarfilm, der sich selbst zu wichtig nimmt.

Fazit: "Zwischen Himmel und Eis" verpackt seine pädagogische Botschaft in atemberaubende Bilder, aber auch in jede Menge Überheblichkeit. In seiner Form erinnert das mehr an einen melodramatischen Spiel- denn an einen sachlichen Dokumentarfilm, der sich letzten Endes entschieden zu wichtig nimmt.




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