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Kritik: Alki Alki (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Dies ist zwar ein ernstzunehmendes Drama über einen Alkoholiker und seinen selbstzerstörerischen Trip, aber sein Tonfall bleibt locker und leicht, als handele es sich um eine Komödie. Was wie ein makabrer Widerspruch klingt, ergibt bei Regisseur Axel Ranisch einen verblüffend stimmigen und originellen Film. So ohne große Betroffenheitsgesten oder die Absicht, auf die Tränendrüse zu drücken, ist das Thema Sucht selten behandelt worden. Das passiert mithilfe des simplen und effektiven Kunstgriffs, die Sucht durch einen Schauspieler zu personifizieren. Dieser Einfall und die gesamte Filmidee stammen von Peter Trabner, der die Fantasiegestalt Flasche verkörpert und dabei auf interessante Weise komödiantisch anlegt.

Tobias ist nie nüchtern und er kann sich nie auf ein Gegenüber einlassen. Denn alles, was ihm wirklich wichtig ist, verkörpert Flasche. Tobias will sich besser fühlen – und so gut wie mit Flasche und den Besäufnissen in der Disko geht es ihm sonst nie. Flasches Präsenz verdeutlicht sehr schön, dass sich Tobias auch nie alleine fühlt und jedem realen Menschen gegenüber heimlich die Finger kreuzen kann: Er hat es nicht nötig, in einen echten Kontakt zu treten, sich festzulegen. Man könnte auch sagen, er hat sich nicht unter Kontrolle, ist nicht Herr seiner selbst, aber das stimmt nur zum Teil: Tobias mag Flasche und seine Sucht besteht weniger aus Not, als aus Lust. Selbst in der Entzugsklinik zieht Flasche neben Tobias eine verächtliche Grimasse und weiß es besser, als die Therapeuten. Das geht auch den anderen Patienten so, gleichgültig ob sie Trinker, Spieler, sexsüchtig sind: Jeder hat seine personifizierte Sucht neben sich stehen und sieht sie mehr oder weniger offen feixen über die Übungen, Nein zur Abhängigkeit zu sagen.

Ein Troubadour (Robert Gwisdek alias Käptn Peng) sitzt gelegentlich neben dem Männerduo und singt zur Gitarre über ihre besondere Beziehung. Das klingt wunderbar kritisch und beiläufig zugleich, mitleidlos und irgendwie auch schrecklich traurig. Der ganze Film nimmt die Form einer Moritat an, einer unbekümmert wie im Singsang vorgetragenen Geschichte mit schwergewichtigem Inhalt. Wie sich Tobias selbst in die Tasche lügt und wie er sich mit diebischer Freude in den Rauschzustand flüchtet, das macht diesen Film so authentisch und kraftvoll, ohne dass die Inszenierung auch nur im entferntesten nach Kraftanstrengung aussieht. Auch ohne Mitleid für Tobias wird klar erkennbar, wie schwer der Weg aus der Sucht in Wirklichkeit ist, dass der Kampf mit Flasche ein Gefecht gegen den inneren Kompass ist.

Fazit: Axel Ranisch erzählt das Drama eines Alkoholikers im Stil einer locker-leichten Moritat, die manchmal auch musikalisch vorgetragen wird. Der Einfall, dem Protagonisten die Sucht in Gestalt einer Person an die Seite zu stellen, ermöglicht es, den inneren Zwiespalt des Trinkers auf lebendige und sogar witzige Weise sichtbar zu machen. Vor allem aber bekommt der Film dadurch eine verblüffende Authentizität und Tiefe.







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