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Kritik: Nebel im August (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Kai Wessels ("Hilde") erschütternder Film "Nebel im August" ist eine Adaption des gleichnamigen Tatsachenromans von Robert Domes. Das Drama erzählt anhand der wahren Geschichte von Ernst Lossa über ein bisher weitestgehend verdrängtes Kapitel aus der Geschichte des Dritten Reichs: Dort wurde noch vor der systematischen Ermordung der Juden ein "Euthansie"-Programm (wörtlich: "guter Tod") eingeleitet, welches die systematische Vernichtung aller "lebensunwerten" Menschen zum Ziel hatte. Diesem Programm fielen von 1939 bis 1945 über 200.000 Insassen deutscher Heil- und Pflegeanstalten zum Opfer. Diese wurden zunächst vergast. Die entsprechenden Transporte dienten zugleich als Erprobung "im kleinen Stil", der späteren massenweisen Vernichtung der europäischen Juden. Doch als dies an die Öffentlichkeit kam, führte dies innerhalb der Bevölkerung zu zahlreichen Protesten. In Folge wurden die als lebensunwert deklarierten Patienten direkt in den Anstalten durch Gift und durch systematisches Aushungern per "Entzugskost" ("E-Kost") getötet.

Die systematische Vernichtung körperlich und geistig Behinderter konnte jeden treffen. Bereits ein heute so weit verbreitetes psychisches Leiden, wie eine Depression, reichte, um in ein Sanatorium eingeliefert - und bei anhaltender Arbeitsunfähigkeit - vernichtet zu werden. Denn das oberste Kriterium, das darüber entschied, ob jemand lebenswert war oder nicht, war alleine die Arbeitsfähigkeit. War diese nicht vorhanden, war ein Mensch der NS-Ideologie ein unnützer Esser und eine untragbare Last für die "Volksgemeinschaft" und musste deshalb weg. Im realen Fall von Ernst Lossa vereinen sich auf erschütternde Weise die absolute Unmenschlichkeit und die Willkür des diabolischen Systems. Denn der kerngesunde Lossa landete nur deshalb in einem Sanatorium, weil man den schwierigen Jungen möglichst bequem loswerden wollte. Und als er dann von einem Erziehungsheim in eine Heilanstalt für körperlich und geistig Behinderte abgeschoben wird, ist sein klarerer Geist kein mögliches Entlassungskriterium, sondern wird für Lossa zu einer Lebensgefahr, als er den dort betriebenen systematischen Tötungen auf die Schliche kommt.

Dabei ist Kai Wessel trotz der unvorstellbar unmenschlichen Thematik denkbar weit davon entfernt, seinen Film zu einem reinen Betroffenheitsdrama verkommen zu lassen. Stattdessen ist "Nebel im August" ein Charakterdrama und ein Coming of Age-Film unter extremsten Bedingungen und zudem unbequem und komplex. Dies beginnt bereits damit, dass das Treiben in dem gezeigten Sanatorium mit der Vielzahl an gecasteten echten Behinderten verschiedenster Art anfangs streckenweise an Tod Browings Horror-Drama "Freaks" (1932) erinnert: von Liliputanern, über Menschen mit auffälligen Missbildungen und einem Mädchen, das nur in einem grotesken Lederkorsett laufen kann, bis hin zum Tobsüchtigen, der nur mit größer Mühe ans Bett gefesselt werden kann, ist hier so ziemlich alles jenseits der Norm Angesiedelte vertreten. Auf der anderen Seite stehen ein äußerst liebevoll wirkender Dr. Veithausen (Hut ab vor der beeindruckenden Leistung von Sebastian Koch) und die bildhübsche neue Krankenschwester Edith (Henriette Confurius aus Dominik Grafs "Die geliebten Schwestern"), die scheinbar nur das Beste für ihre Patienten wollen - auch, wenn dies für einige von ihnen den (Gnaden-)Tod bedeutet.

Doch schon bald zeigt sich ähnlich wie bei "Freaks", dass die wahrhaft deformierten Monster gerade der aalglatte Dr. Veithausen und andere von der perfiden NS-Ideologie verblendete "ganz Normale" sind, während die Patienten des Sanatoriums trotz ihrer unübersehbaren Abweichungen von dieser Normalität eine weitestgehend intakte und humane Gemeinschaft bilden. Unterstützung erhalten sie einzig von der tief religiösen Oberschwester Sophia (Fritzi Haberlandt), die nur deshalb weiter in dieser Tötungsanstalt arbeitet, damit wenigstens sie den geschundenen Insassen ein wenig Nächstenliebe zukommen lassen kann. Anders als in "Freaks" rächen jene sich auch nicht an ihren Peinigern, indem sie selbst zu Mördern werden. Stattdessen lassen sie demonstrativ stinkende Fische durch die Kantine springen, bis diese an den Decken festkleben.

Fazit: "Nebel im August" ist zutiefst erschütternd und zugleich zutiefst menschlich.





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