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The Witch
The Witch
© Universal Pictures International Germany

Kritik: The Witch (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Nach seiner Premiere auf dem Sundance Film Festival im Januar 2015 wurde das Horrordrama "The Witch" von der Kritik gefeiert. Als eigenwillige, aber wirkungsvolle Genre-Variation, die die Zeit, in der sie spielt, überzeugend auferstehen lässt und atmosphärisch zu bestechen weiß. Kein Wunder also, dass die Erwartungshaltung riesig war, als der Film 2016 bei den Fantasy Filmfest Nights auch in Deutschland erstmals die Leinwände eroberte. Das Positive gleich vorweg: Der exzellente Ruf, der dem Schauermärchen von Robert Eggers vorauseilt, ist kein Geschwätz, sondern absolut berechtigt. Selten hat man in letzter Zeit eine Horrorgeschichte gesehen, die derart versiert Unbehagen erzeugt. Ein Meister scheint hier am Werk gewesen zu sein. Tatsächlich hat jedoch ein Spielfilmdebütant seine erste, beeindruckende Visitenkarte abgegeben.

Dass der bislang vor allem als Szenen- und Kostümbildner wirkende Eggers weiß, wie man unheilvolle Stimmungen kreiert, zeigt schon der Anfang, der den gottesfürchtigen Siedler William (Ralph Ineson) und seine Familie um 1630 in die Wildnis Neuenglands führt. Der aus einer puritanischen Gemeinde verstoßene Mann und seine Liebsten stehen einer bedrohlich wirkenden Natur gegenüber, in der sie sich ein neues Leben aufbauen müssen. Abgeschottet vom Rest der Welt, ganz auf sich allein gestellt. Die Beklemmung, die dieses Szenario umgehend erzeugt, nimmt zu, sobald die Gemeinschaft mit dem Verschwinden des Babys langsam auseinanderbricht. Mysteriöse, surreal anmutende Tieraufnahmen – etwa von einem Hasen mit stechendem Blick – sind Hinweise auf das kommende Unheil, während sich die Familie zunehmend in gegenseitigen Vorwürfen ergeht.

Thematisch arbeitet sich Eggers, der Originalquellen und die Sprache der damaligen Zeit in sein Drehbuch einfließen ließ, an diversen spannenden Aspekten ab. Das rigorose Glaubensethos, das William und seine Frau Katherine (Kate Dickie) vertreten, bietet in der Not keinen Halt, sondern erweist sich als Nährboden für eine Hysterie, die gefährliche Ausmaße erreicht. Die Zwillinge Mercy (Ellie Grainger) und Jonas (Lucas Dawson) bezichtigen ihre große Schwester Thomasin (umwerfend: Anya Taylor-Joy) der Hexerei. Und ihr Bruder Caleb (Harvey Scrimshaw) wird irgendwann vom Wahn erfasst, was in eine packend gefilmte Exorzismus-Sequenz mündet. Ein unglaublich intensiver Moment, der nicht zuletzt vom mitreißenden Spiel der Darsteller lebt.

Neben übertriebenem Glaubenseifer verhandelt "The Witch" auch die menschliche Urangst vor dem dunklen Wald, der hier als erdig-unwirtlicher Lebensraum und Schauplatz düsterer Rituale inszeniert wird. Am eindrücklichsten ist allerdings das sexuelle Erweckungsmoment, das dem Schauermärchen innewohnt. Thomasin, durch deren Augen wir meistens auf die Geschehnisse blicken, ist ein Mädchen, das an der Schwelle zum Frausein steht, dessen Entwicklung aber von der patriarchalisch-christlichen Ordnung unterdrückt wird. Dass es zu einer Rebellion der jugendlichen Tochter kommen muss, ist absehbar. Allerdings zögert der Debütregisseur Thomasins Selbstermächtigung geschickt heraus und baut damit einen Zustand beharrlich brodelnder Spannung auf, der sich in einem verstörend-diskussionswürdigen Finale entlädt. Auch wenn die Erzählung betont langsam voranschreitet, raubt der Film dem Zuschauer ab und an mit gezielten Paukenschlägen den Atem, während das differenzierte Sounddesign und der unheimliche Score für ein ständiges Unwohlsein sorgen.

Abgerundet wird das überaus positive Gesamtbild durch eine akribisch-authentische Ausstattung und die vorzügliche Arbeit von Kameramann Jarin Blaschke, der beinahe jede Einstellung wie ein Gemälde aus vergangenen Zeiten erscheinen lässt.

Fazit: Darstellerisch fesselnd, atmosphärisch dicht, erzählerisch herausfordernd und wunderbar gefilmt: Der Debütfilm "The Witch" ist in jedem Fall eine der eindringlichsten Schauererfahrungen der letzten Jahre.




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