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Unter dem Sand - Das Versprechen der Freiheit
Unter dem Sand - Das Versprechen der Freiheit
© Koch Media © 24 Bilder

Kritik: Unter dem Sand - Das Versprechen der Freiheit (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

An Filmen über den Zweiten Weltkrieg und seine Nachwehen mangelt es wahrlich nicht, sodass man neuen Beiträgen erst einmal skeptisch gegenübersteht. Gefühlt wurde jedes Thema und jedes Ereignis schon mehrfach durchgekaut. Und doch schaffen es manche Werke, einen anderen Blickwinkel zu etablieren oder – man glaubt es kaum – ein bislang wenig beachtetes Kapitel zu beleuchten. Der ungarische Oscar-Gewinner "Son of Saul" etwa, der Anfang März in den deutschen Kinos anlief, entführt den Zuschauer dank einer konsequent subjektiven und akustisch intensiven Gestaltung in die Hölle von Auschwitz, ohne dabei auf explizit-ausbeuterische Bilder angewiesen zu sein. Ein Film, der durchaus provoziert, formal aber eigene Wege geht und sich damit spürbar von anderen KZ-Dramen abhebt. Die dänisch-deutsche Koproduktion "Unter dem Sand – Das Versprechen der Freiheit" hingegen überrascht vor allem auf inhaltlicher Ebene, da sie einen düsteren Abschnitt aus der gemeinsamen Geschichte der beiden Länder herausgreift, der nur wenigen Menschen bekannt sein dürfte.

Martin Zandvliets Nachkriegsdrama, das 2015 in Toronto seine Weltpremiere feierte, lenkt die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Tatsache, dass die dänische Westküste auch nach dem Ende der Kampfhandlungen noch eine brandgefährliche Todeszone war. 2,2 Millionen Landminen hatte Hitler aus Angst vor einer Invasion der Alliierten an den Nordseestränden des skandinavischen Staates verteilen lassen. Scharfe Sprengkörper, die ab Mai 1945 von Kriegsgefangenen ohne ausreichende Erfahrung beseitigt wurden. Zahlreiche Männer und Jugendliche verloren dabei ihr Leben oder aber trugen schwere Verletzungen davon. Vor eben diesem Hintergrund erzählt "Unter dem Sand" von einer Gruppe zum Teil minderjähriger deutscher Soldaten, die der dänische Feldwebel Carl Rasmussen (Roland Møller) zu einem abgelegenen Strandabschnitt führt, der 45.000 Minen beherbergt. Schon gleich zu Anfang wird der Aufseher als großer Deutschenhasser etabliert. Gnade haben die ihm anvertrauten jungen Männer, darunter der 16-jährige Sebastian (Louis Hofmann), folglich nicht zu erwarten. Im Gegenteil, Rasmussen erweist sich als rabiat-sadistischer Schleifer, der seinen Arbeitskräften sogar wiederholt die Essensrationen streicht.

Die Entwicklung des Unteroffiziers hin zu einem Zweifler, der seine Aufgabe plötzlich in Frage stellt, ist alles andere als überraschend. Die Art und Weise, wie Rasmussen zu neuen Einsichten gelangt, hätte Zandvliets Drehbuch allerdings etwas genauer herausarbeiten können. Während der Aufseher einen eher erwartbaren Läuterungsprozess durchläuft, verharrt sein Vorgesetzter Jensen (Mikkel Boe Følsgaard) bis zum Ende in einer kaltblütigen, deutschlandfeindlichen Haltung. Mag sein, dass der Film in seiner Figur die schmerzlichen Erfahrungen der dänischen Bevölkerung während der Besatzungszeit der Nazis reflektiert, ein wenig mehr Differenzierung hätte dabei aber sicher nicht geschadet.

Abseits dieser erzählerischen Defizite gelingt es dem Drama immer wieder, den Betrachter zu fesseln und für das weitere Schicksal der Protagonisten zu interessieren. Erschütternd sind beispielsweise die Szenen am Strand, dessen Abgeschiedenheit und Leere Kamerafrau Camilla Hjelm Knudsen prominent hervorhebt. Ein Schauplatz, an dem die jugendlichen Protagonisten spürbar verängstigt durch den Sand kriechen, mit bloßen Händen nach Minen graben und fortlaufend dem Tod ins Auge schauen. Neben spannungsgeladenen Momenten wie diesen setzt Zandvliet auch auf eher bedächtige Gesprächssituationen, in denen die deutschen Soldaten über die Zukunft in ihrer vom Krieg gezeichneten Heimat sinnieren. Während einige großen Träumen nachhängen, entpuppt sich der verbitterte Helmut (Joel Basman) als knallharter Realist, der sich keinen falschen Hoffnungen hingeben will.

Selbst wenn auf Drehbuchebene durchaus Luft nach oben ist, liefert Zandvliet insgesamt ein packend aufbereitetes Stück Zeitgeschichte ab, das auch und vor allem vom Spiel seiner Darsteller lebt. Roland Møller gibt den dänischen Feldwebel mit der gebotenen Härte, überzeugt aber auch als väterlicher Freund. Louis Hofmann, der erst kürzlich im Heimdrama "Freistatt" brillierte, beweist erneut, dass er zu den besten deutschen Nachwuchsschauspielern seines Alters zählt. Und auch das restliche Ensemble hat Anteil daran, dass "Unter dem Sand" zu einem sehenswerten Beitrag über die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs avanciert.

Fazit: Ein spannender, recht unbekannter Hintergrund, starke Darsteller und einige eindringlich inszenierte Szenen können manche Drehbuchschwäche nicht kaschieren, sorgen aber dafür, dass der Gesamteindruck eher positiv ausfällt.




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