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Schau mich nicht so an
Schau mich nicht so an
© Zorro Film

Kritik: Schau mich nicht so an (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Schau mich nicht so an" ist Uisenma Borchus Abschlussfilm an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film. Das Drama der 1984 in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar geborenen und seit 1989 in Deutschland lebenden Drehbuchautorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin ist gleich aus mehreren Gründen beeindruckend.

Zunächst ist da die Faszination für die Hauptfigur, die sich aus deren Rätselhaftigkeit speist. Hedi (Uisenma Borchu) ist anders. Mit ihren schwarzen Haaren und den Mandelaugen unterscheidet sie sich bereits optisch von ihrer blonden Nachbarin Iva (Catrina Stemmer) und deren Tochter Sofia (Anne-Marie Weisz). Aber auch Hedis Verhalten ist ungewohnt. Bei ihrer ersten Begegnung bietet sie der Fünfjährigen erst einmal eine Zigarette an. Ob im Scherz oder im Ernst bleibt unklar. Diese permanente Unschärfe entspringt zum einen Borchus Drehbuch, das vieles – von Hedis Beruf über ihre Vergangenheit bis zu ihren wahren Beweggründen – im Dunkeln lässt. Zum anderen ist sie dem Spiel der Laiendarsteller geschuldet, deren improvisierte Dialoge zwar lebensecht, aber auch stets etwas entrückt daherkommen.

Klar ist hingegen Hedis Selbstbestimmung. Sie wolle ihr eigenes Leben leben, nicht das Leben der anderen. Eine sprunghafte Frau stets auf dem Sprung. Hedis geräumige Altbauwohnung ist nur provisorisch eingerichtet, gleicht dem Nomadenleben ihrer mongolischen Vorfahren, wie auch ihr Liebesleben dem ihrer Großmutter gleicht. Die hatte zwei Männer. Das habe weniger mit Emanzipation zu tun als damit, wo die Liebe hinfalle und wie weit die Geduld eines Menschen reiche, erklärt Hedi Ivas Vater (Josef Bierbichler) spätnachts an der Hotelbar, bevor sie mit ihm aufs Zimmer geht.

Dieser konsequente Lebensentwurf nach dem Lustprinzip fordert seine Opfer. Mitgefühl und Nachsicht scheinen Hedi fremd. Die Emotionen ihrer Mitmenschen bleiben zwangsläufig auf der Strecke. Als sie mit einer Disco-Eroberung (Andreas Karl Wilke) im Bett landet, gibt sie ihm minutiös vor, was er zu tun habe. Aus ihrem Missfallen über seine Unerfahrenheit macht sie keinen Hehl. Am Morgen danach wirft sie ihn grob aus der Wohnung. Ähnlich bestimmend und manipulativ verlaufen die Beziehungen zu Iva und deren Vater. Die Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit, mit der Borchu dabei ihren eigenen und die Körper der anderen Schauspieler inszeniert, wie sie Sex zwischen Erotik und Demütigung zeigt, wird viele Zuschauer vor den Kopf stoßen und ist ein weiterer Grund, der diesen Film so sehenswert macht.

Was Uisenma Borchus Drama letztlich von vergleichbaren unterscheidet, ist die Metaebene, die sie einzieht. In einem zweiten Handlungsstrang reist Hedi mit Sofia in die Mongolei. In Ulaanbaatar besucht sie ihre Großmutter (Chimge Tsevelsuren), gibt das blonde Mädchen als ihr eigenes Kind aus. Für das Publikum mutet diese Episode, die die eigentliche Geschichte rahmt, zunächst wie eine Vorausschau auf künftige Ereignisse an. Das virtuos montierte, mehrdeutige Ende des Dramas rückt die Reise jedoch schlagartig in ein anderes Licht. Nun kann die Episode in der alten Heimat auch als eine irreale – sei es als (Wunsch-)Traum oder als Leben nach dem Tod – gelesen werden.

Fazit: "Schau mich nicht so an" ist ein ebenso bewegendes wie rätselhaftes Spielfilmdebüt. Das Drama um das komplexe Liebesleben einer unkonventionellen, manipulativen Frau dürfte das Publikum spalten. Es darf gespannt sein, was Filmemacherin Uisenma Borchu als nächstes präsentiert.





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