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Alle Farben des Lebens -
Alle Farben des Lebens -
© Tobis Film

Kritik: Alle Farben des Lebens (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Alle Farben des Lebens" von Gaby Dellal widmet sich einem Thema, das im Mainstream-Kino immer noch deutlich unterrepräsentiert ist: Das Drehbuch, welches Dellal gemeinsam mit Nikole Beckwith schrieb, erzählt von einem adoleszenten Trans*-Mann und dessen Wunsch, durch eine Hormonbehandlung dem Ziel der Geschlechtsangleichung näher zu kommen. Elle Fanning verkörpert diesen Part mit Hingabe: Wenn sie in ihrer Rolle als Ray mit dem Skateboard in den Straßen von New York unterwegs ist, Muskeln aufzubauen versucht, elektronische Musik komponiert und all dies in einem Videotagebuch festhält, entsteht das glaubhafte Bild eines jungen, entschlossenen und kreativen Menschen. Überzeugend sind auch die Passagen, die sich mit Rays Schwierigkeiten, Hürden und Verletzungen im Alltag befassen – dass er etwa die geschlechtergetrennte Schultoilette meidet oder immer wieder darauf hinweisen muss, dass sein familiäres Umfeld nicht mit weiblichen Pronomina über ihn sprechen soll. Schmerzhaft ist insbesondere ein Moment, in welchem Ray glaubt, dass seine Mitschülerin, für die er schwärmt, Interesse an ihm hat – bis er erkennen muss, dass diese zwar ein bewundernswert-mutiges Mädchen, jedoch keinen Jungen und potenziellen Freund in ihm sieht.

Ebenso wie über "The Danish Girl" (mit Eddie Redmayne als Trans*-Frau) wurde über "Alle Farben des Lebens" im Hinblick auf die Hauptfigur und deren Besetzung seit der Premiere des Werks auf dem Toronto International Film Festival im September 2015 ausgiebig diskutiert. Die vielfach gestellte Frage, ob die Besetzung eines Trans*-Männerparts mit einer Cis-Frau inzwischen nicht ziemlich mutlos ist und der Film damit nicht (ob gewollt oder ungewollt) eine künstlerische Aussage darüber trifft, wie er einen Trans*-Menschen wahrnimmt, ist durchaus berechtigt. Hinzu kommt, dass Dellals Arbeit in der Auseinandersetzung mit gender- und queerpolitischen Fragen nie die Tiefe und Wucht von modernen LGBT-Klassikern wie "Boys Don't Cry" (1999) von Kimberly Peirce oder "Tomboy" (2011) von Céline Sciamma gewinnt – was auch daran liegt, dass Ray im Laufe der Handlung mehr und mehr aus dem Fokus gerät und sich die Geschichte zu einer Drei-Generationen-Tragikomödie entwickelt, in deren Mittelpunkt Rays Mutter Maggie rückt.

Diese wird von Naomi Watts überzeugend und in einer gelungenen Mischung aus Witz und Intensität interpretiert. Gleichwohl ist der Strang, der Maggies Vergangenheit beleuchtet, allzu konventionell geraten, wodurch das Geschehen beinahe in Seifenoper-Gefilde abdriftet. Susan Sarandon und Linda Emond liefern als lesbisches Paar äußerst sympathische Auftritte; ihre Parts sind allerdings recht offenkundig daraufhin angelegt, als Comic-Relief-Figuren zu dienen und dem Film den nötigen Indie-Dramedy-Charme zu verleihen. Auch das Haus, das Rays ungewöhnliche Familie im East Village bewohnt, ist um eine Spur zu kulissenhaft, um nicht nur berückend-schön anzusehen zu sein, sondern zugleich authentisch zu wirken.

Fazit: Ein mit viel Engagement gespieltes Coming-of-Age- und Familiendrama, das in seiner Erzählweise und Inszenierung jedoch zu formelhaft und gefällig ist.




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