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Chi-Raq
Chi-Raq
© Roadside Attractions

Kritik: Chi-Raq (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Spike Lee ist niemand, der mit seiner Meinung hinter dem Berg hält. Und in den USA liegt sicherlich vieles in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft im Argen, über das man trefflich streiten und sich aufregen kann. Sich zu streiten und darüber aufzuregen, was im eigenen Land schief läuft, kann in mächtiges Kino münden, dass haben Lee selbst oder andere Künstler wie Oliver Stone bewiesen. Und auch diese Komödie, eine satirische Abrechnung mit dem Waffenfetischismus der USA und seinen mörderischen Folgen, ist wie Bild gewordene Aufregung - mit zwei Folgen, eine positiv, eine negativ, was die Qualität von "Chi-raq" betrifft.

Zum Positiven: Spike Lee, weiß, wie Kino geht. Man kann dem Film vieles vorwerfen, aber mit Sicherheit nicht, dass er televisonal herüberkommt. Diese scharfe Satire hat Wumms und Schmackes, sie ist Funken sprühend, überbordend vor Einfällen, mit launigen Einlagen und Schauspielern. Aber das bedingt auch das Negative: Teilweise ist sie nervend grell und übertrieben, fabelhaft unsicher in ihrem Umgang mit einem eigentlich sehr ernsten Thema und hält sich für witziger, als sie ist.

Die antike griechische Komödie "Lysistrata" von Aristophanes in das heutige Chicago zu transferieren und mit aktuellen Beispielen von Morden an afro-amerikanischen Bürgern, darunter Kinder und Teenager, zu versehen, ist ein großartiger Einfall von Lee. Denn das Stück über Frauen, die in einen Sex-Streik treten, um ihre Männer zu zwingen, Frieden zu halten, zielt auch auf die Analogie von Waffen und männlichem Geschlechtsteil, auf das erotische Verhältnis zu Waffen, das manche Männer unzweifelhaft hegen, und legt die Wurzel dessen frei, was die Welt seit Jahrtausenden bewegt: Männliche Kriegslust und männliche Sexualität sind vielleicht nicht zwei Seiten einer Medaille, aber durchaus in Verbindung zu setzen.

Spike Lee spielt das genüsslich aus, mit derb-drastischen Worten im Versmaß eines griechischen Theaterstücks und dem Geniestreich von Samuel L. Jackson in der Rolle des kommentierenden Chors. Doch mit teilweise völlig surrealen Szenen wie die mit allzu groben Stereotypen arbeitende und verbaselte mit einem Südstaaten-General, einem Polizeichef und dem Chicagoer Bürgermeister tut der Regisseur und Drehbuchautor seinem Film keinen Gefallen. Die Methode Holzhammer ist kein guter Ratgeber, wenn auf Pappkameraden eingeschlagen wird.

Fazit: Eine überdrehte und furios inszenierte Komödie, der Respekt gezollt werden muss, dass sie ein ernstes Thema intelligent und satirisch angeht, die aber dabei über das Ziel hinausschießt und in weiten Teilen durch nervig-schrille Übertreibung ihrem Herz, das sie sicherlich am richtigen Fleck trägt, keinen Gefallen tut.




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