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Samuel L. Jackson in Chi-Raq von Spike Lee
Samuel L. Jackson in Chi-Raq von Spike Lee
© Parrish Lewis

Tagebuch Berlinale 2016: "Make Love, Not War" à la Spike Lee

6. Tag: Deutscher Beitrag "Soy Nero" mittelprächtig

Die TicTac-Dose, die gestern einer Kollegin vom Oberrang des Berlinale-Palastes in die Tiefe gesaust ist, hat offenbar niemanden zu Schaden kommen lassen. Zumindest hat sich niemand beschwert. Derweil diskutiert die Presse, ob der Schneckentempo-Film aus China am Vortag nun eine Messlatte für den Rest des Wettbewerbs gewesen ist oder ein schön anzusehender Langweiler, der für ein stetiges Leeren des Kinosaals sorgte.

Für weniger Kontroversen dürfte der erste heutige Streifen im Wettbewerb sorgen: "Soy Nero" ("Ich bin Nero") ist technisch gesehen sogar ein deutscher Beitrag, produziert von der Berliner Produktionsgesellschaft Twenty Twenty Vision, aber ansonsten sehr kosmopolitsch. Regisseur Rafi Pitts - bereits zum dritten Mal mit einem Spielfilm im Wettbewerb vertreten - ist Iraner, der Film spielt in Mexiko, den USA und im Irak und ist auf Englisch und auf Spanisch gedreht.

War gestern "Jeder stirbt für sich allein" noch ausrechenbar, kann man das für das Drama "Soy Nero" nicht gerade behaupten: Was als vermeintliche Immigrationsgeschichte beginnt, mündet in der komödiantischen Einlage einer Scharade in Beverly Hills, um dann in einer Volte auf einmal im Irakkrieg zu landen. Besieht man sich die Widmung des Films für die "Immigranten, die in der US-Armee gedient haben", dann wird die Intention von Pitts klar. Um seinen Bogen zu spannen, nimmt sein Werk dann allerdings einen ziemlichen Umweg. Der Applaus fiel verhalten aus.

Den zweiten Wettbewerbsfilm sah unser Kritiker Gregor Torinus - und dieser war deutlich Star-besetzter. Das Biopic "Genius" basiert auf A. Scott Berg's preisgekrönter Biografie "Max Perkins: Editor of Genius", die von Drehbuchautor John Logan für die große Leinwand adaptiert wurde und mit welchem der Londoner Theaterregisseur Michael Grandage sein Kinodebüt gibt. Geschildert wird die enge professionelle und zwischenmenschliche Beziehung des Schriftstellers Tom Wolfe zu seinem Entdecker und Lektor Max Perkins. Jener arbeitet beim renommierten Verlagshaus Scribner’s Sons, welches zuvor ebenfalls erstmals Werke von Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald veröffentlicht hatte. Colin Firth brilliert in der Rolle des sensiblen und bedächtigen Lektors, während Jude Law recht theatralisch den überschwänglichen und exaltierten Autor mimt. Aus dem Kontrast diese beiden Charaktere bezieht "Genius" seinen Reiz, wobei der Film laut Gregor ansonsten nicht viel mehr als solides Handwerk bietet.

Mit Spannung nach dem Trarara des "Oscar"-Boykotts durch Spike Lee wurde sein neuer, außer Konkurrenz laufender Film "Chi-Raq" erwartet, der ebenso wie "Soy Nero" seine Botschaft deutlich vor sich herträgt: Es geht Lee um den Waffenbesitz in den USA und die irrwitzigen Todesraten, die jedes Jahr durch Schusswaffenmissbrauch in Amerika herbeigerufen werden - gerade von Afro-Amerikanern an Afro-Amerikanern. Mit der für ihn üblichen Verve hat sich der streitbare Filmemacher daran gemacht, dass Thema anhand eines Bandenkrieges in Chicago, das hier als Chi-raq (einer Verballhornung aus Chicago und Iraq) bezeichnet wird, zu demonstrieren.

Auf die Formel "Make Love, Not War" kann man dieses vor Temperament und Einfällen sprühende Drama bringen, das Lee an die griechische Antike-Komödie "Lysistrata" von Aristophanes anlehnt, in der sich die Frauen den Männern sexuell verweigern, um sie vom Kriegführen abzubringen. Das geschieht hier auch, aber das Wort "fuck" fällt hier sicher häufiger als bei dem griechischen Dichter. Samuel L. Jackson als Chor ist dabei eine besonders hübsche Idee.

Bei dem Slang und den maschinenpistolen-schnellen Dialogen musste das Publikum im Cinemaxx schon ganz schön hinterher sein, die Untertitel zu lesen. Auf jeden Fall wurde an vielen Stellen herzlich gelacht. Ob sich die zum Teil sehr grellen und übertriebenen Szenen immer mit dem eigentlich ernsten Hintergrund und den nachdenklicheren Sequenzen verträgt, sei dahin gestellt. Am Ende wurde wie bei "Soy Nero" mäßig Beifall gezollt.

Schließlich besuchte Kollege Torinus noch die Spätvorstellung in der Panorama-Sektion, wo der Horrorfilm "Shelley" des in Dänemark lebenden Regisseurs Ali Abbasi gezeigt wurde. Der Titel spielt auf den Namen der Schöpferin von Frankenstein an und ist im Film der Name eines weiblichen Babys, das im Körper der Leihmutter Elena heranwächst. Diese ist eine Rumänin, die ursprünglich als Haushaltshilfe zu dem in Abgeschiedenheit an einem See lebenden dänischen Paar Louise und Kasper gekommen ist. Da Louise kein Kind mehr bekommen und Elena das Geld gut gebrauchen kann, willigt sie ein, das Kind auszutragen. Doch die Schwangerschaft verläuft ungewöhnlich schwer und irgendwann ist sich Elena nicht mehr sicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hat.

"Shelley" ist eine moderne Variante von Filmen wie "Rosemary’s Baby", der völlig ohne christliche Teufelsikonografie auskommt. Abbasi besitzt ein ungewöhnlich hohes Gespür für die Erzeugung einer schwer greifbaren beunruhigenden Atmosphäre. Einzig das sehr verschleppte Tempo mindert Gregor zufolge ein wenig den Genuss an dem ansonsten rundum gelungenen Film.

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