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Kritik: Unfriend (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Nicht erst seit gestern spielen Medien im Horrorfilm eine prominente Rolle. Schon 1982 bündelten Regisseur Tobe Hooper und Produzent Steven Spielberg in ihrem Spukhausklassiker "Poltergeist" diffuse Ängste vor dem immer stärker aufkommenden Fernsehen. 1998 ließ ein Videoband in der japanischen Gruselperle "Ring" ein weltweites Publikum erschaudern. Und erst vor kurzem breiteten sich in "Unknown User" Angst und Schrecken ganz zeitgemäß über das Internet aus. In eine ähnliche Kerbe schlägt nun auch der deutsche Filmemacher Simon Verhoeven, der nach seinen erfolgreichen "Männerherzen"-Komödien mit einem international besetzten, von deutschen Produzenten verantworteten Cyber-Schocker auf die große Leinwand zurückkehrt.

Schon der Titel lässt sofort an das allgegenwärtige soziale Netzwerk Facebook denken, in dem sich die User auf ungezwungene Weise mit beliebig vielen Menschen verbinden, den Kontakt aber ebenso gut per Mausklick beenden können. Entfreunden, wie es neudeutsch heißt. Ein Spiel, auf das sich auch die beliebte College-Schönheit Laura (Alycia Debnam-Carey) bereitwillig einlässt. Mehr als 800 Freunde hat sie bisher angesammelt, und auch die Anfrage der eigentlich unbekannten Mitstudentin Marina (Liesl Ahlers) nimmt sie, ohne lange zu zögern, an. Da sich die – Achtung, Klischee! – schwarz gekleidete Außenseiterin jedoch sehr schnell als waschechte Stalkerin entpuppt, macht Laura die Freundschaft online kurzerhand rückgängig. An genau diesem Punkt setzen Verhoeven und seine Koautoren Philip Koch und Matthew Ballen mit ihrer Horrorgeschichte an. Was, wenn das eigene Profil plötzlich verrücktspielt und sich der persönliche Facebook-Auftritt nicht mehr kontrollieren lässt? Ein beunruhigender Gedanke, mit dem sich Laura nach Marinas Selbstmord ungewollt auseinandersetzen muss.

Im Anfangsdrittel taucht "Unfriend" in den normalen Hochschulalltag ein und bringt dabei die Internet-Welt der Protagonisten durch Chatfenster und eine typische Facebook-Oberfläche visuell zur Geltung. Vieles von dem, was Laura und ihre Freunde erleben, landet rasch im Netz, weil sie ihr Umfeld, wie es heute gang und gäbe ist, an ihren Erfahrungen teilhaben lassen wollen. Mit dem Freitod der geheimnisvollen Kommilitonin ändert sich allerdings langsam die Stoßrichtung, und der Film hebt sich nun spürbar vom ähnlich gelagerten "Unknown User" ab, der eine konsequente Desktop-Optik verfolgt. Anstatt sich auf eine Laptop-Perspektive zu beschränken, weitet Verhoeven das Horrorszenario aus und schickt seine Hauptfigur auf eine Erkenntnisreise, die mit klassischen Geisterbahneffekten gespickt ist. Verquirlt werden die Internet-Ängste mit einem altmodischen Okkult-Ansatz, der nur bedingt originell ausfällt und leider zu selten für handfeste Überraschungsmomente sorgt. Die Figuren kommen zumeist nicht über altbekannte Rollenmuster hinaus, was ein fortlaufendes Mitfiebern erschwert. Und die zunehmend kruder anmutende Handlung hätte mehr ironische Auflockerungen benötigt als die gelegentlichen Einwürfe eines überforderten Polizeibeamten.

Zugutehalten muss man dem Regisseur allerdings, dass er einige durchaus wirkungsvolle jump scares hervorzaubert und manchmal gekonnt mit der Erwartungshaltung des genreerprobten Publikums spielt. In mindestens zwei Fällen ist man sich sicher, dass gleich etwas passieren muss. Doch am Ende erweisen sich die vermeintlich untrüglichen Vermutungen als übereilt. Optisch und atmosphärisch stechen die animierten Sequenzen hervor, die Laura auf der düsteren Profilseite ihrer Stalkerin entdeckt. Kleine Filmchen, die Marinas Einsamkeit und ihre morbiden Fantasien sehr schön bebildern. Das alles reicht freilich nicht, um das unausgegorene Drehbuch und die eher farblosen Figuren für längere Zeit vergessen zu machen.

Fazit: Facebook-Terror trifft Okkult-Grusel in Simon Verhoevens neuester Regiearbeit "Unfriend". Trotz einiger gelungener Schockeffekte und manch schönem Bildeinfall ragt der deutsche Horrorthriller mit englischsprachigem Cast nicht aus dem Genremittelmaß heraus.




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