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Happy End
Happy End
© Warner Bros./X-Verleih

Kritik: Happy End (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der in Österreich aufgewachsene Michael Haneke ist ohne Zweifel ein Meister darin, menschliche Abgründe sichtbar zu machen. Davon zeugt sein Œuvre, vom Jugend-Kriminaldrama "Benny's Video" (1992) über den verstörenden Thriller "Funny Games" (1997) bis hin zur historischen Studie "Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte" (2009). Auch in seinem neuen Werk "Happy End" lässt der Regisseur und Drehbuchautor die bürgerliche Fassade bröckeln – diesmal gar ausgelöst durch einen heftigen Erdrutsch, der das Leben einer begüterten Familie buchstäblich in die Tiefe zu reißen droht. Der Vorfall auf einer Baustelle des familiären Unternehmens wird auf eine so eindrückliche Art und Weise in einer Videoüberwachungsaufnahme eingefangen, wie sie wohl tatsächlich nur Haneke (in perfekter Kombination mit seinem Kameramann Christian Berger) beherrscht.

Ohnehin ist "Happy End" ein Film, der durch starke Bilder und eindringliche Momente im Gedächtnis haften bleibt. Neben klassischen Esstischszenen, in denen äußerst präzise die zwischenmenschlichen Dynamiken demonstriert werden, sind es vor allem die Passagen, in welchen unsere aktuellen, digitalen Wege der Kommunikation in die Handlung einbezogen werden. Wenn Haneke und Berger etwa eine Live-Chat-Session in einem sozialen Netzwerk auf die Leinwand bannen, ist das weit mehr als nur ein abgefilmter Computerdisplay: Durch Atem- und Tipp-Geräusche sowie durch die Wahl der Worte, mit denen das Chat-Duo intime Gedanken und Gefühle miteinander austauscht, entsteht eine beachtliche Intensität. Bei aller Tragik und Trostlosigkeit lassen das Skript und die Inszenierung auch immer wieder höchst absurden Witz zu: Das unmoralische Angebot, das das Familienoberhaupt Georges seinem völlig konsternierten Friseur Marcel (Dominique Besnehard) unterbreitet, um einen raschen Ausgang aus seinem Dasein zu finden, ist ein Beispiel für den herrlichen schwarzen Humor, der den Plot und dessen Umsetzung durchzieht.

Vorwerfen könnte man Haneke, dass er um eine Spur zu selbstreferenziell vorgeht: Ähnlich wie Pedro Almodóvar in "Zerrissene Umarmungen" (2009) oder Brian De Palma in "Passion" (2012) baut der Filmemacher in "Happy End" etliche Rückbezüge auf das eigene Werk ein. Dass die tragikomische Familienerzählung dennoch eine eigenständige Arbeit bleibt, ist nicht zuletzt der darstellerischen Überzeugungskraft zu verdanken. Jean-Louis Trintignant ("Liebe") spielt den lebensüberdrüssigen Georges wunderbar uneitel; Isabelle Huppert ("Die Klavierspielerin") interpretiert ihre Rolle gewohnt vielschichtig. Großartig sind die Mutter-Sohn-Momente zwischen Huppert und Franz Rogowski als Pierre; der German-Mumblecore-Star (bekannt aus "Love Steaks") fügt sich exzellent in den Haneke-Kosmos ein und liefert überdies eine unvergessliche Karaoke-Performance zum Sia-Hit "Chandelier". Eine echte Entdeckung ist außerdem die junge Fantine Harduin, die dem Part der pubertären Eve etwas Düster-Melancholisches verleiht.

Fazit: Abgrund, öffne dich! Abermals legt Haneke die Wunden des menschlichen Miteinanders frei – mit Schärfe, Gegenwartsbezogenheit und überraschender Komik. Die allzu große Anzahl an Eigenzitaten wird durch die hervorragenden Leistungen des Ensembles wettgemacht.





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