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Kritik: Death in Sarajevo (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Danis Tanovic ist einer der renommiertesten Regisseure Bosniens. Sein Spielfilmdebut "No Man's Land" wurde 2001 gleich mal mit dem "Oscar", der Goldenen Palme in Cannes und dem Golden Globe ausgezeichnet. Davor musste der Filmemacher allerdings einige Hürden überwinden: Der Bosnien-Krieg unterbrach sein Filmstudium in Sarajevo. Während des Krieges begleitete er die bosnische Armee mit der Kamera, um dann in Brüssel sein Filmstudium zu beenden.

Brüssel, Balkan-Krieg und Sarajevo: Dies alles spielt eine Rolle in diesem Drama, in welchem sich Tanovic an einer Art "Der Stand der Dinge" versucht: Wo steht Bosnien im Moment? Wie verhält es sich zu Europa, wie zu Europa zu ihm? Und wie stark ist der Schatten der Vergangenheit noch, wie groß der Hass und die Ressentiments der Bosnier und der Serben?

Tanovic hatte zunächst vor, eine Dokumentation über das Stück "Hotel Europa" des französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy zu drehen, das 2014 zum 100. Jahrestag des Attentats, das als eine Art Brandbeschleuniger für den Ausbruch zum Ersten Weltkrieg gab, in Sarajevo aufgeführt worden war. Dieses schlägt einen Bogen von 1914 über die Belagerung von Sarajevo und das Massaker von Srebrenica bis hin zum Ukraine-Konflikt. Doch dann entschied sich der Regisseur, um diesen Monolog, der im Film von Jaques Weber oft direkt in die Kamera gesprochen wird, ein Panorama zu entfalten, dass das Wort in bewegte Bilder überführt.

Und diese Bewegung ist wörtlich zu nehmen: Die Kamera ist häufig entfesselt, folgt den Figuren oft ein paar Schritte und gibt dem Zuschauer das Gefühl, selbst als Gast des Hotels mitten im Geschehen zu sein. So bewegt man sich in einer unmittelbaren Gegenwart, in der die Vergangenheit sehr lebendig ist: Der Hoteldirektor, der seit zwei Monaten keinen Lohn mehr hat zahlen können, kommt immer wieder auf die 30 Jahre zurückliegenden Olympischen Spiele zu sprechen, auf die vermeintlich "guten alten Zeiten", als die Geschäfte noch brummten. Jetzt ist sein Hotel leer, zu florieren scheint nur die an Gangster untervermietete Keller mit den Spielautomaten und dem Strip-Club.

Auf dem Hoteldach wird währenddessen in einer Fernsehübertragung zum 100-jährigen Jubiläum der Anschläge heiß über das Thema der Vergangenheitsbewältigung diskutiert - um so mehr, als ein serbischer Nationalist, der sich als Nachfahre des Sarajevo-Attentäters bezeichnet, mit seinen Ansichten die bosnische Moderatorin herausfordert.

Tanovic führt die verschiedenen Erzählstränge zusammen, was zumindest an einer Stelle sehr gesucht wird. Überhaupt funktionieren die Geschichten einzeln besser als miteinander verwoben. Die Geschehnisse um den angedrohten Streik und die doch sehr intellektuellen Debatten um Schuld und Vergangenheit bleiben recht distanziert zueinander und unterbrechen in einem späteren Stadium den Erzählfluss des Streifens auch geradezu. Sicherlich spiegelt sich das Eine im Anderen, ist die beschädigte Gegenwart auch die Folge einer unbewältigten Vergangenheit, aber so recht wollen die verschiedenen Elemente, zu denen auch der eingangs erwähnte Monolog gehört, nicht zusammen kommen.

Aber die einzelnen Teile sind besser als das Ganze: Der Film legt in zu großen Teilen ein stetiges Tempo vor und evoziert die Atmosphäre eines drohenden Verhängnisses, das spannungsvoll in der Luft liegt, während die leidenschaftlich und informativ geführten Debatten durchaus intellektuell stimulierend sind und sicherlich für Menschen, die sich mit der geopolitischen Lage und der Vergangenheit des Balkans auskennen, eine Art tour de force und d' horizon darstellen.

Fazit: Das Drama kreist um die Befindlichkeit einer Nation und wagt sich an eine Zustandsbeschreibung Bosniens und Europas. Dabei gelingt es Danis Tanovic mit geschickter Kameraführung und Inszenierung, verschiedene Handlungselemente spannend in Szene zu setzen, aber nicht, die unterschiedlichen Perspektiven seines Films befriedigend zu einem kohärenten Ganzen zu verbinden.




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