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Kritik: Seefeuer (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ursprünglich als Kurzfilm geplant, hat Regisseur Gianfranco Rosi seine Dokumentation über die italienische Insel Lampedusa ausgeweitet und ein zweigeteiltes Sinnbild für den Bereich Europas geschaffen, das unmittelbar mit den Flüchtlingsströmen aus Afrika konfrontiert ist. Hier prallen die beiden Welten direkt aufeinander, ohne sich zu überlagern.

Rosi zeigt das anhand des ruhigen Lebens des zwölfjährigen Samuel und seiner Familie, die dem Meer als Broterwerbsquelle verbunden ist ("Hier auf Lampedusa sind alle Fischer") und das Mittelmeer ganz anders wahrnimmt als die Flüchtlinge, für die es die oft buchstäbliche letzte Hürde vor dem gelobten Land Europa ist. Es ist nicht gerade eine Idylle, aber eine ruhige Beschaulichkeit, die höchstens mal durch die neueste Radiomeldung über wieder ertrunkene Flüchtlinge unterbrochen wird. Der Regisseur, der auch selbst die Kamera geführt hat, hat dank der weiter entwickelten Kameratechnik im Dunkeln ohne große künstliche Lichtquellen filmen können und so auch Bilder von großer Schönheit eingefangen, die dem Zuschauer eine Atempause gönnen.

Samuel und die anderen Italiener kommen mit den Flüchtlingen, die in speziellen Lagern mehr schlecht als recht untergebracht werden, nicht zusammen. Eine Ausnahme ist der Arzt Pietro Bartolo, der in einer der bewegendsten Szenen des Films berichtet, wie er seit 1991 mit den Flüchtlingen konfrontiert ist und der häufig nur noch Leichen begutachten kann. "Es hinterlässt eine große Leere in meinem Bauch, und es kommen immer wieder die Alpträume", berichtet er. Und sagt den Satz, der dem ganzen Film, der vollkommen ohne Kommentar auskommt, unterlegt werden könnte: "Jeder, der sich als Mensch bezeichnet, muss diesen Menschen helfen."

Während die Szenen mit Samuel amüsante Vignetten sind, die ein wenig Einblick in seinen Alltag bringen, sind die stärkeren Sequenzen diejenigen, die sich um die Flüchtlinge drehen und denjenigen, die ihnen helfen. Bereits zu Beginn, als auf der Tonspur die Kommunikation zwischen den auf dem Meer offenbar sinkenden Flüchtlingen und der Küstenwache zu hören ist, taucht Rosi die Zuschauer beziehungsweise Zuhörer direkt in das tragische Geschehen, das er dann als Schrecken immer stärker visualisiert: Von den dehydrierten, traumatisierten Gestalten, welche die Helfer wie Kartoffelsäcke in ihre Rettungsboote umladen, über die weinenden Frauen bis zu den im Rumpf eines Schiffes übereinander liegenden Leichen wird das Ausmaß der humanitären Katastrophe deutlich.

Die in Ganzkörperanzügen mit Mundschutz ausstaffierten Helfer scheinen aus George Romero's "The Crazies" oder Wolfgang Petersen's "Outbreak" geliehen und verleihen der ganzen Szenerie eine bizarre Note. Die Patroullienboote, die Radaranlagen, die über dem Meer kreisenden Hubschrauber geben zusätzlich den Eindruck eines permanenten Kriegszustandes, in dem bloß Opfer zu beklagen sind. Man kann nur erahnen, welchen emotionalen Härten die Helfer ausgesetzt sein müssen, die tagein, tagaus mit diesen Geschehnissen konfrontiert sind.

Gianfranco Rosi hat keinen politischen Film gedreht, der eine Botschaft verkündet; es kommen auch keine Politiker oder Menschenrechtsaktivisten zu Wort. Ihm geht es um eine Bestandsaufnahme, die in diesem Fall unweigerlich an einen bestimmten Ort geknüpft ist. Und er zeigt die Menschen, die an diesen Ort leben. Und jene, die es nicht geschafft haben, ihn zu erreichen.

Fazit: Eine eindrucksvolle Dokumentation, die ihre Bilder sprechen lässt und keine Agenda verbalisiert. Wer die Augen geöffnet bekommen möchte, was sich im Süden Europas an menschlichen Tragödien abspielt und womit speziell die italienischen Behörden, Institutionen und Menschen konfrontiert sind, während im Rest Europas von Quoten, Begrenzungen, Zäunen und Grenzen schwadroniert wird, findet hier den richtigen Film.




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