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Caracas, eine Liebe
Caracas, eine Liebe
© Weltkino Filmverleih

Kritik: Caracas, eine Liebe (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Gleich mit seinem Debütwerk "Caracas, eine Liebe" gelang Lorenzo Vigas der Sprung auf die große Kinobühne. Nach seiner Uraufführung im Wettbewerb der 72. Internationalen Filmfestspiele von Venedig durfte der venezolanische Regisseur und Drehbuchautor recht überraschend den Goldenen Löwen entgegennehmen. Eine Entscheidung, die in Kritikerkreisen leidenschaftlich diskutiert wurde, da so mancher Festivalbeobachter ein "Geschmäckle" auszumachen glaubte. Immerhin saß der Jury mit Alfonso Cuarón ein Mexikaner vor, der durch die Auszeichnung womöglich dem Produzenten Michel Franco und Drehbuchmitarbeiter Guillermo Arriaga, zwei Landsmännern, einen Freundschaftsdienst erwies. Wie auch immer man zu diesen Mutmaßungen stehen mag, abstreiten lässt sich nicht, dass Vigas mit seinem ersten Spielfilm ein Drama vorlegt, das trotz einer nüchternen Inszenierungsweise aufwühlt und mitreißt.

Großen Anteil daran haben die beiden Hauptdarsteller Alfredo Castro und Luis Silva in seiner ersten Kinorolle, die das auf dem Papier unglaubwürdig klingende Verhältnis zwischen dem wohlhabenden Zahntechniker Armando und dem impulsiven Straßenjungen Elder auf differenzierte Weise zum Ausdruck bringen. Dominiert wird ihre Interaktion von einem facettenreichen Mienenspiel und kleinen Gesten, die nur gelegentlich um heftige Gefühlsexplosionen ergänzt werden. Castro und Silva vermitteln die Verlorenheit ihrer Figuren gekonnt und machen die im Drehbuch festgeschriebene Suche nach Zuneigung zu einer berührenden wie schmerzhaften Angelegenheit. Intimität und schroffe Abweisung gehen Hand in Hand, da der vereinsamte Armando ständig einen inneren Kampf auszufechten scheint. Einerseits zieht es ihn beinahe obsessiv auf die Straßen der venezolanischen Metropole, wo er ständig nach jungen Männern Ausschau hält, die er gegen Entlohnung in seine sorgsam aufgeräumte Wohnung führen kann. Andererseits hat er gravierende Probleme, wirkliche Nähe zuzulassen, was schon an seinen sexuellen Vorlieben erkennbar ist. Stets beobachtet er aus sicherer Entfernung den nackten Rücken und den halbentblößten Po seiner Begleiter, während er sich dabei selbst befriedigt.

Warum sich Armando anderen Menschen nicht richtig öffnen kann, deutet Vigas mehrfach an. Glücklicherweise begeht er aber nicht den Fehler, das offenbar durch einen grausamen Vater ausgelöste Trauma komplett auszuleuchten. Kleine Hinweise und Dialogfetzen reichen aus, um dem Zuschauer vor Augen zu führen, dass der knapp 50-jährige Mann eine tiefsitzende Verunsicherung mit sich herumschleppt. Ähnlich unaufgeregt wie die Erzählung, die sich melodramatischen Exzessen konsequent verweigert, fällt auch die formale Gestaltung aus. Gemäß dem Originaltitel – "Desde allá" heißt übersetzt "Von weitem" oder "Aus der Ferne" – vertraut der Spielfilmdebütant auf einen distanzierten, fast schon dokumentarischen Blick, der das echte Leben in den Armenvierteln von Caracas einzufangen scheint. Bemerkenswert ist vor allem, dass Vigas durchgehend auf Musik verzichtet, häufig mit der Unschärfe des Bildes spielt und immer wieder auf eine spezielle Perspektive zurückgreift: Wiederholt zeigt die Kamera den Hinterkopf Armandos, während sich der Zahntechniker wie ein getriebener, ruheloser Geist seinen Weg durch Straßen der Hauptstadt bahnt.

Ganz nebenbei gelingt es dem Regisseur, die in der venezolanischen Machokultur nach wie vor weit verbreitete Homophobie und das von Ausbeutung geprägte Verhältnis zwischen Arm und Reich greifbar zu machen. Hochachtung gebührt Vigas auch deshalb, weil er den Mut hat, seinen Erstling mit einer abrupt-schonungslosen Wendung zu beenden.

Fazit: Obwohl betont nüchtern in Szene gesetzt, entfaltet das Debütwerk des venezolanischen Filmemachers Lorenzo Vigas eine enorme emotionale Kraft, die nicht zuletzt aus dem starken Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller erwächst.




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