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Holding The Man
Holding The Man
© Pro Fun Media

Kritik: Holding The Man (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Regisseur Neil Armfield kehrt nach einer längeren Pause mit einer weiteren Liebesgeschichte auf die große Leinwand zurück. Waren es in "Candy – Reise der Engel" (2006) die Drogen, die die Beziehung seiner Protagonisten (Heath Ledger, Abbie Cornish) vor eine Zerreißprobe stellten, sind es nun die gesellschaftlichen Vorbehalte und eine tödliche Krankheit. Und wieder gelingt Armfield ein sensibles, geradezu zärtliches Drama mit viel Mitgefühl für seine Figuren.

Armfields Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein. Der musisch begabte Timothy (Ryan Corr) ist offen, selbstbewusst, oft nassforsch und träumt von einer Karriere als Schauspieler, der sportliche John (Craig Stott) hingegen verschlossen und schüchtern. Dass die beiden dennoch zusammengehören, macht der Film gleich zu Beginn klar, wenn eine Parallelmontage ihre Routinen zueinander in Beziehung setzt. Zu Antonio Vivaldis Gloria in excelsis Deo bereiten sich die zwei in wunderschön fotografierten Zeitlupenaufnahmen darauf vor, die Theaterbühne beziehungsweise das Spielfeld zu betreten.

Das Alter der Schauspieler irritiert zunächst. Statt die unterschiedlichen Lebensabschnitte der beiden Protagonisten von verschiedenen Darstellern verkörpern zu lassen, hat sich Neil Armfield für ein festes Ensemble entschieden. Doch Ryan Corr und Craig Stott, die die verliebten Schüler geben, sind trotz aller Mühen der Maskenbildner keine 17 mehr. Corrs und Stotts überzeugendes Spiel macht es dem Publikum allerdings leicht, sich nach der anfänglichen Irritation in dieses Drama einzufinden. Schnell tritt das wahre Alter der Darsteller hinter ihre Figuren zurück, sieht das Publikum nur noch die scheuen Gesten und vorsichtigen Annäherungsversuche zweier Teenager.

Diese Vorsicht ist durchaus geboten. Schließlich ist die Beziehung der beiden zu Beginn der Erzählung nicht nur strafbar, sondern bis zuletzt ein Kampf um gesellschaftliche und familiäre Anerkennung. Während sich Tims Eltern (Kerry Fox, Guy Pearce) nach und nach mit ihrem Sohn arrangieren, später gar versöhnen, bleibt Johns Vater (Anthony LaPaglia) bis zuletzt unversöhnlich, verleugnet dessen Sexualität und Erkrankung und fordert seinen Teil des Erbes. Das Familiäre spiegelt hier stets die gesellschaftliche Entwicklung.

"Holding the Man" entfaltet seine Geschichte in einer langen Rückblende, innerhalb derer sich die Handlung auf der Zeitachse vor- und zurückbewegt. Dieses Wechseln zwischen den Ebenen ist jedoch kein reiner Selbstzweck, um die mehr als zwei Stunden Spieldauer aufzulockern. Tommy Murphys kluges Drehbuch folgt dramaturgischen Gesichtspunkten, enthält dem Publikum auf der einen Ebene Dinge vor, um sie auf der anderen später aufzuklären.

Neil Armfield nimmt sich Zeit für seine Figuren, erzählt deren Kennenlernen ebenso ausgedehnt, behutsam und bei aller Tragik dennoch humorvoll wie das bewegende Ende nach der AIDS-Erkrankung. Gemeinsam mit Armfields leiser, zurückhaltender Inszenierung gelingen dem hervorragenden Ensemble immer wieder zärtliche Momente größter Intimität, die, ohne auf die Tränendrüse zu drücken, zu Tränen rühren.

Fazit: "Holding the Man" erzählt die tragische Liebesgeschichte eines homosexuellen Paares über den Zeitraum von 15 Jahren. Dank eines hervorragenden Ensembles, eines klugen Drehbuchs und Neil Armfields unaufdringlicher Regie ist "Holding the Man" ein ebenso bewegtes wie bewegendes Drama.





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