VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Auerhaus (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Mit seinem Jugendroman "Auerhaus" über eine Schüler-Wohngemeinschaft in der westdeutschen Provinz der 1980er Jahre landete der Schriftsteller Bov Bjerg im Jahr 2015 einen Bestseller. Die Geschichte wurde auch schon als Theaterstück aufgeführt. Nun hat die Regisseurin Neele Leana Vollmar ("Rico, Oskar und die Tieferschatten") den Roman adaptiert und zu einem Drama verfilmt, das ganz im Sinne der Vorlage den Weg einer jugendlichen Utopie zwischen Idee und Wirklichkeit beschreitet. Höppner und seine neuen Mitbewohner wollen eine familiäre Gemeinschaft bilden, die sie stützt und ihr Freisein fördert.

Ein Hauch von Rebellion weht durch diese von der Provinztristesse in Moll gefärbte Geschichte, die wilden 1970er Jahre, die hier nie richtig aufschlugen, lassen grüßen. In Höppners WG herrscht ein ironischer Ton, was die Gesellschaft angeht, aber der Abwasch muss erledigt werden. Wer ihn nicht macht, kommt auf das in der Wohnküche aufgehängte Fahndungsplakat mit Fotos von RAF-Terroristen. Von Ironie gebrochen wird auch die Angst der Jugendlichen vor der eigenen Freiheit und der Freiheit der Mitbewohner.

Namentlich Frieder sorgt immer wieder für Gänsehaut bei Höppner, Vera, Cäcilia. Max von der Groeben spielt den abgründigen Charakter mit Freude an theatralisch-spöttischem Deklamieren. Der Film konzentriert sich allzu sehr auf das Thema Selbstmord, während zugleich, übrigens ähnlich wie im Buch, Frieder den anderen ein Rätsel bleibt. Alle sind nämlich alterstypisch vor allem mit sich selbst beschäftigt, zugleich aber unheimlich tolerant. Dann stößt als weiterer Charakter Harry (Sven Schelker) hinzu, der im Grunde für die Handlung nur wichtig ist, weil er Dinge wie ein Auto hat.

Die Jugendlichen wirken Frieder gegenüber hilflos, aber warum schaut der Film nicht genauer hin, wer er ist, aber auch wer die anderen sind, ob und wie sie ihre Fühler ausstrecken? Cäcilia fällt hauptsächlich wegen ihrer altmodischen Bluse mit Schleife auf, Vera wirkt positiv aber konturlos, Höppner will hauptsächlich Sex und die Dinge verstehen, nur entzieht sich vieles seinen naiven Wünschen. Pauline ist funktional angelegt, wie Frieder soll sie beunruhigen, denn kann die Gemeinschaft Charakteren mit destruktivem Potenzial wirklich helfen? All diese Figuren erwachen im alltäglichen Miteinander nur teilweise zum filmischen Leben.

Fazit: Die von Neele Leana Vollmar inszenierte Coming-of-Age-Geschichte nach dem gleichnamigen Roman von Bov Bjerg überzeugt vor allem atmosphärisch. Es überwiegen darin jedoch die Molltöne, die Tristesse der westdeutschen Provinz der 1980er Jahre schlägt sich auch in der Wohngemeinschaft nieder, die fünf Jugendliche gründen. Sie soll dem selbstmordgefährdeten Frieder und in seinem Schlepptau auch den anderen den Weg ins Leben ebnen. Die Angst, was Frieder tun könnte, beherrscht nicht nur die Hauptfigur Höppner, sondern lenkt auch die filmische Perspektive zu stark von den Charakteren und der beflügelnden Kraft ihrer barrierefreien Gemeinschaft ab.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.