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Kritik: Salt and Fire (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 1 / 5

Was, um alles in der Welt, hat sich Werner Herzog dabei nur gedacht? So manchem Bewunderer der unerschrockenen Regielegende dürfte diese Frage im Kopf herumgeistern, wenn man die Sichtung seines jüngsten Spielfilms einmal überstanden hat. Teilweise unter dem Label "Thriller" beworben, erweist sich "Salt and Fire" als häufig unfreiwillig komische Mischung aus Öko-Drama und pseudo-anspruchsvoller Reflexion über die Vielschichtigkeit der Realität. Mittendrin ein deutscher Fernsehstar, der die angebliche Horizonterweiterung der Hauptfigur nicht überzeugend transportieren kann. Auch große Herzog-Fans dürften hier an ihre Grenzen stoßen, was den genialischen Filmemacher womöglich gar nicht stört, beschreibt er das eigenartige Schauspiel doch als "Tagtraum, der den Regeln des Kinos nicht folgt".

So sehr man die bei Herzog zum guten Ton gehörende Abweichung von klassischen Erzählstrukturen begrüßen möchte, setzt das Kopfschütteln schon nach wenigen Minuten ein. In ungelenken, überexpliziten Dialogen erfahren wir, warum die deutsche Wissenschaftlerin Laura Sommerfeld (Veronica Ferres) und ihre Kollegen Dr. Cavani (Gael García Bernal) und Dr. Meier (Volker Michalowski) in einem Flugzeug in Richtung Südamerika sitzen. Gemeinsam sollen die Experten im Auftrag der Vereinten Nationen die Folgen einer verheerenden – für den Film erdachten – Umweltkatastrophe untersuchen, die ein internationales Firmenkonsortium zu verantworten hat. Unangenehm fällt neben dem hölzernen Geplapper schon zu Anfang die Darstellung Cavanis auf, den Herzog als aufgedrehten Klischee-Latino und Möchtegern-Poeten skizziert. Weshalb sich der als seriöser Charaktermime etablierte Bernal für diese Schmierenrolle nicht zu schade war, gehört zu den großen Fragen, die "Salt and Fire" aufwirft.

Mit der Entführung der Delegation wendet sich der von einer Kurzgeschichte Tom Bissells inspirierte Film Thriller-Mechanismen zu, schafft es trotz einer Horde vermummter Fußsoldaten aber nicht, auch nur im entferntesten Sinne Spannung zu erzeugen. Gefangennahme, Verschleppung und erste Konfrontationen mit den Kidnappern werden plump und unbeholfen inszeniert, wobei man sich in manchen Momenten ein Lachen nicht verkneifen kann. Während die Pappfiguren Cavani und Meier rasch aus der Handlung fallen, entspinnt sich zwischen Sommerfeld und Matt Riley (Michael Shannon), dem Kopf der Entführer, der als CEO des Großkonzerns für die Naturschäden mitverantwortlich ist, eine Diskussion über die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmung. Hochtrabende Gedanken und kulturelle Anspielungen vermischen sich mit deplatziert wirkenden romantischen Anflügen und lachhaften Kalendersprüchen vom Kaliber "Wahrheit ist die einzige Tochter der Zeit". Obwohl es sich bei Laura um eine angesehene Forscherin handelt, muss Veronica Ferres ständig Offensichtliches kommentieren, was ihre Figur zunehmend kleiner macht.

Die nächste Stufe von Herzogs Tagtraum wird schließlich eingeleitet, als der dauerquatschende Hobby-Philosoph Riley seine Gefangene inmitten eines gigantischen Salzsees aussetzt. Die Entwicklung, die unsere Protagonistin von diesem Zeitpunkt an durchläuft, hat auf dem Papier sicher ihren Reiz, vermittelt sich im Film allerdings nur bedingt, da sie vor allem in hölzern-pathetischen Monologen zum Ausdruck kommt. Zu spüren ist in der zweiten Hälfte immerhin der unbändige Abenteuergeist des Regisseurs, der für die Verwirklichung seiner Visionen nach wie vor keine Herausforderungen scheut. Gedreht wurde die Grenzerfahrungspassage, mitunter auf einer Höhe von über 4000 Metern, am bolivianischen Salar de Uyuni. Eine atemberaubende, unwirklich anmutende Salzlandschaft, die uns Herzogs Stammkameramann Peter Zeitlinger in überwältigenden Bildern vor Augen führt. Dieses Panorama und die sicherlich guten Absichten des Ökodramas, das menschliche Rücksichtslosigkeit und destruktives Profitstreben geißelt, sind jedoch keine Entschädigung für eine insgesamt banale und seltsam ungeschickt arrangierte Geschichte, die den Betrachter meistens kaltlässt.

Fazit: Große Bilder und gute Intentionen bewahren Werner Herzogs "Salt and Fire" nicht vor einer inszenatorischen und erzählerischen Bruchlandung.





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