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Kritik: American Honey (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Mit "American Honey" präsentiert die renommierte britische Filmemacherin Andrea Arnold ihre erste in den USA entstandene Arbeit. Schon in "Fish Tank" (2009) – ihrem zweiten Langfilm – sowie der sich anschließenden Emily-Brontë-Interpretation "Wuthering Heights" (2011) gelang es Arnold, zum einen auf subtile Weise gesellschaftliche Themen zu behandeln und zum anderen mit großem Einfühlungsvermögen von jungen Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden zu erzählen und dabei jedwede Formelhaftigkeit sowohl in der dramaturgischen als auch der visuellen Gestaltung zu vermeiden. Dies hat die Drehbuchautorin und Regisseurin nun ebenso eindrücklich fernab ihrer Heimat geschafft: Sie liefert ein aufregendes 163-Minuten-Werk, das Poesie und Realismus, Schönheit und Rauheit, Witz und Melancholie virtuos vereint.

Abermals prägt Arnolds feine Beobachtungsgabe die Ästhetik des Films: In stets originellen Detailaufnahmen fängt die Britin gemeinsam mit ihrem Kameramann Robbie Ryan im inzwischen eher unüblichen 1.37:1-Bildformat die anfängliche Wohnsituation sowie alle späteren Stationen der Reise ein, auf die sich die juvenile Protagonistin Star begibt. Auch die Einblicke in die diversen Haushalte, die Star im Zuge ihres neuen Jobs als Teil der Drückerkolonne aufsucht, sind prägnant – mal grotesk, mal erschütternd, jedoch immer abseits bekannter Klischees. Hinzu kommt ein perfekter Einsatz von Musik, die von dem Rihanna- und Calvin-Harris-Song "We Found Love" über den Dream-Pop-Hit "Fade Into You" von Mazzy Star bis hin zur titelgebenden Country-Nummer "American Honey" von Lady Antebellum reicht. Interessant ist, dass Arnold das Dasein on the road – im Kleinbus auf den Highways sowie in Motels oder anderen Unterkünften als kurze Zwischenstopps – nicht romantisiert: Hier geht es nicht in erster Linie um Freiheit und Spaß, sondern darum, Geld zu verdienen. Die Chefin Krystal, die im eigenen Kabriolett unterwegs ist, hat strikte Regeln aufgestellt und seltsame Rituale etabliert, um die Disziplin sowie den Ehrgeiz der Truppe aufrechtzuerhalten. Die einzelnen Team-Mitglieder werden nur ansatzweise als Charaktere erkennbar – dank der Entscheidung, zum Großteil auf Laien oder Leute mit wenig Schauspielerfahrung zu setzen, wird allerdings eine erstaunliche Authentizität erzeugt.

In der Hauptrolle zeigt die Newcomerin Sasha Lane eine faszinierende Energie. Die Texanerin wurde von Arnold während des Spring Break in Florida entdeckt – und erweist sich als Talent mit einnehmender Ausstrahlung. Mit Shia LaBeouf und Riley Keough als Jake und Krystal wird Lane von zwei erfahrenen Co-Stars unterstützt. Lane und LaBeouf haben eine hervorragende Chemie: Die Leidenschaft zwischen ihren Figuren ist spürbar; die ständigen Höhen und Tiefen in der Beziehung werden im Zusammenspiel der beiden glaubhaft vermittelt. Keough – eine Enkelin von Elvis und Priscilla Presley, die in den queeren Indie-Werken "Jack & Diane" (2012) und "Lovesong" (2016) bereits ihre Vielseitigkeit beweisen konnte – stattet Krystal mit verblüffender Abgebrühtheit aus und trägt dazu bei, dass hier eine der ungewöhnlichsten Frauenparts der jüngeren Filmgeschichte zu sehen ist. Unter den übrigen Cast-Mitgliedern stechen Arielle Holmes (die 2014 in dem Drogendrama "Heaven Knows What" ihr Debüt gab) sowie der Leinwand-Novize McCaul Lombardi hervor. Alles in allem eine großartige Ensemble-Leistung!

Fazit: Zugleich lyrisch und hart, hellwach und verträumt, jugendlich-naiv und verdammt klug. Andrea Arnold hat einen Meilenstein des Adoleszenzkinos geschaffen.




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