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Kritik: Colette - Eine Frau schreibt Geschichte (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Auch wenn nicht jeder Filmfan ihren Namen parat hat, Colettes Werke sind einem ein Begriff. Ihre Romane "Chéri" (1920) und "Gigi" (1944) wurden gleich mehrfach verfilmt. Regisseur Wash Westmoreland hat sich nun Colettes ersten Jahren als Schriftstellerin gewidmet, als sie noch als Ghostwriterin ihres Mannes fungierte. Das Drehbuch, dessen erster Entwurf 2001 geschrieben und in den folgenden 16 Jahren 20-mal überarbeitet wurde, vollendete Westmoreland gemeinsam mit Rebecca Lenkiewicz ("Ida"). Begonnen hatte er es mit seinem 2015 verstorbenen Berufs- und Lebensgefährten Richard Glatzer, dem "Colette" gewidmet ist.

Wie bei jedem historischen Stoff kommt auch "Colette" nicht ohne Änderungen aus, um ein ohnehin schon außergewöhnliches Leben dramaturgisch in drei Akten zuzuspitzen. Herausgekommen ist eine äußerst pointierte Emanzipationsgeschichte, die die von Keira Knightley gespielte Titelheldin als frühe Feministin feiert. Simples Schwarz-Weiß-Denken liegt dem Drehbuch allerdings fern. Knightleys Colette ist nicht nur ausgebeutete Ehefrau, sondern auch ein widerständiger Freigeist, der die seltsame Symbiose mit ihrem Ehemann geschickt zum eigenen Vorteil nutzt. Ihr von Dominic West verkörperter Gegenpart ist kein plumper, vulgärer oder gewalttätiger Frauenhasser, sondern ein literarisch zwar limitierter, aber äußerst geschäftstüchtiger, cleverer und ziemlich charmanter Opportunist. Die Beziehung der beiden ist mal von echter Zuneigung und Leidenschaft, mal von Verachtung, zuletzt von viel Zweckoptimismus geprägt.

"Colette" ist die Geschichte einer Frau an der Schwelle zur Moderne, die ihrer Zeit stets einen Schritt voraus war. Wash Westoreland erzählt sie an manchen Stellen ganz bewusst einen Tick moderner, als sie tatsächlich gewesen sein mag. Denn er begreift den historischen Stoff stets im Hinblick auf unsere Gegenwart. Die Besetzung der Nebenrollen ist ein klares Statement für Vielfalt, Offenheit und Regelbrüche. Gemeinsam mit Casting-Direktorin Susie Figgis hat er ursprünglich weiße Rollen mit schwarzen und asiatischstämmigen Schauspielern besetzt sowie einen Cisgender-Mann von einem Transgender-Mann und eine Cisgender-Frau von einer Transgender-Frau spielen lassen.

Westmorelands und Glatzers Kollaborationen handeln häufig von starken Frauen (und schwachen Männern) in außergewöhnlichen Beziehungen und Lebenssituationen. Stilistisch eher unauffällig, egal ob sie wie "Quinceañera" (2006) und "Still Alice" (2014) in der Gegenwart oder wie "Mein Leben mit Robin Hood" (2013) in der (jüngeren) Vergangenheit angesiedelt sind, sind ihre Arbeiten in erster Linie Schauspielerfilme. Selbst ein Historiendrama wie "Colette", Westmorelands bislang teuerste Produktion, lebt trotz Andrea Fleschs toller Kostüme und Michael Carlins einladender Sets zuvorderst von der Leistung seiner Darsteller, allen voran von jener der großartig aufgelegten Keira Knightley.

Giles Nuttgens' dynamische, aber dezente Kamera hält sich ebenso zurück wie Lucia Zuchettis eleganter Schnitt und Thomas Adès den Komponisten der Jahrhundertwende nachempfundene Musik, sodass sich Knightley & Co. in den Vordergrund spielen können. Während ihr Partner Dominic West stets etwas zu zurückhaltend agiert, in seiner Rolle als charmanter Widerling nicht an seine besten Leistungen ("The Wire", "The Affair") heranreicht, brilliert Knightley durch eine Mischung aus Entschlossenheit und detailversessener Lässigkeit. Die Art und Weise etwa, wie sie ihre Arme in einem Pariser Salon beiläufig und voller Selbstbewusstsein über die Lehne ihres Sitzmöbels schwingt, ist erstklassige Schauspielkunst.

Für den ganz großen Wurf ist "Colette" inszenatorisch letztlich etwas zu glatt und bezüglich seiner positiven gesellschaftspolitischen Botschaft ein wenig zu lehrhaft geraten. Keira Knightley bei ihrer Entwicklung von der naturverbundenen Unschuld vom Lande zur selbstbewussten und selbstbestimmten Frau zuzusehen, ist jedoch ein Genuss.

Fazit: Mit Blick auf unsere Gegenwart erzählt Regisseur und Koautor Wash Westmoreland die Emanzipationsgeschichte einer frühen Feministin. "Colette" ist ein pointiert geschriebenes, souverän gefilmtes und opulent ausgestattetes Historiendrama, das trotz aller Schauwerte in erster Linie durch die großartig aufspielende Hauptdarstellerin Keira Knightley überzeugt.




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