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Kritik: Leanders letzte Reise (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Leanders letzte Reise" stammt von dem Regisseur und Drehbuchautor Nick Baker Monteys, dessen letzter Film ("Der Mann der über Autos sprang") bereits sieben Jahre zurückliegt. Hauptdarsteller Jürgen Prochnow ist im wirklichen Leben längst noch keine 92 Jahre sondern "erst" 76 Jahre alt. Er gehört seit den 70ern zu den führenden deutschen Charakterdarstellern. Seinen weltweiten Durchbruch erlebte er 1981 mit dem Klassiker "Das Boot". In diesem Jahr war er bereits mit "Kundschafter des Friedens" in den deutschen Kinos zu sehen.

"Leanders letzte Reise" lebt in erster Linie von seinen ambivalenten, komplexen Figuren, die von den Darstellern feinfühlig und mit viel Hingabe verkörpert werden. Gerade Jürgen Prochnow als störrischer und schwer greifbarer Greis, der sich auf die Suche nach seiner Jugendliebe macht, brilliert. Hinzu kommt, dass er mit Petra Schmidt-Schaller als Leanders Enkelin, die nahezu nichts über die Vergangenheit und die Kriegserlebnisse ihres Opas weiß, ein wirklich gut harmonierendes Gespann gibt. Da macht es nicht auch viel aus, dass Adeles Interesse an Geschichte und Politik, doch recht plötzlich und unerwartet aufkommt. In den ersten Minuten des Films wirkt die Kellnerin nämlich eher ein wenig naiv und chaotisch – aber auf sympathische Weise.

Regisseur Monteys gelingt es, die Spannung um die Frage nach den wahren Geschehnissen von damals, konstant hoch zu halten. Zwischendurch streut er immer wieder Hinweise und Andeutungen ein – sowie einige Überbleibsel und Erinnerungen der Vergangenheit (etwa ein Soldatenfoto ihres Großvaters, auf das sie im Zug stößt). Geschickt arbeitet der Film zudem Parallelen bzw. Ähnlichkeiten zweier unterschiedlicher kriegerischer Auseinandersetzungen heraus: jener zwischen Deutschen, Kosaken und Russen während des Zweiten Weltkriegs einerseits. Und andererseits der immer noch andauernden Krim-Krise mit den Konfliktparteien EU (Europa), Russland und der Ukraine.

Hier wie dort ging bzw. geht es um gegensätzliche Interessen verschiedener Ethnien und die Spaltung ganzer Länder und Völker. Auf diese Art vermengt Monteys auf gelungene Weise die aktuelle Krim-Krise mit den Schrecken und Gräueltaten der Nazi-Diktatur. "Man kann beides sein – Ukrainer und Russe", sagt an einer Stelle des Films der Ukrainer Lew, den Großvater und Enkelin im Zug treffen. Er wehrt sich ebenso vehement gehen die Spaltung seiner Heimat wie Adele versucht, hinter die harte Schale des Opas zu blicken und herauszufinden, was ihn emotional derart brechen ließ.

Fazit: Einfühlsam und intensiv gespielte Mischung aus Roadmovie und Familiendrama, die auf kluge Weise Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellt.




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