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Kritik: Der Himmel wird warten (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Mit "Der Himmel wird warten" legt die französische Filmemacherin Marie-Castille Mention-Schaar eine einfühlsame Arbeit über ein bedauerlicherweise hochaktuelles Thema vor: Sie erzählt von der Radikalisierung junger Menschen, die über soziale Netzwerke mit terroristisch gesinnten Anwerbern in Kontakt kommen und von diesen allmählich indoktriniert werden, bis sie bereit sind, ihr bisheriges Leben gänzlich hinter sich zu lassen. Das Drehbuch, das Mention-Schaar gemeinsam mit Emilie Frèche verfasste, lässt eine sorgfältige Recherche erkennen; es handelt sich hier nicht um einen plakativ-oberflächlichen Thesenfilm, der auf Basis von reißerischen Schlagzeilen Spannung zu erzeugen versucht – sondern um eine überaus erhellende, genau beobachtete Studie über die Mechanismen der Manipulation, die zur Rekrutierung für den Islamischen Staat (IS) führen.

Dem Film gelingt es, Fiktion mit dokumentarischen Elementen zu kombinieren. So spielt sich die Anthropologin, Autorin und Entradikalisierungs-Expertin Dounia Bouzar in "Der Himmel wird warten" selbst. Sie zählt zu den Personen, die Eltern von betroffenen Jugendlichen in ihrer Notlage unterstützen und den Heranwachsenden dabei helfen, dem Fanatismus wieder zu entkommen. Es geht Mention-Schaar und ihrem Team nicht darum, Hass und Angst zu schüren; vielmehr soll Klarheit geschaffen werden – etwa über den Unterschied zwischen Islam und IS, zwischen Religion und Terror. Dieser didaktische Ansatz wird mit einem intelligenten Spiel mit den Zeitebenen sowie mit einer virtuosen Montage und Kameraführung verbunden.

Die Nachwuchs-Stars Noémie Merlant und Naomi Amarger, die beide auch in Mention-Schaars Vorgängerwerk "Die Schüler der Madame Anne" (2014) mitwirkten, verkörpern ihre Rollen mit einer bemerkenswerten Hingabe. Noémie Merlant verleiht ihrem Part als junge Frau, die in ihr altes (Alltags-)Leben zurückfinden muss, eine beinahe schmerzhafte Intensität. Zusammen mit Sandrine Bonnaire und Zinedine Soualem als Elternpaar vermittelt sie zudem glaubhaft die Herausforderungen, die der Hausarrest im familiären Umfeld mit sich bringt – den Verzicht auf Privatsphäre sowie die Unmöglichkeit, Vertrauen herzustellen. Gegen Ende schimmert in diesem Strang jedoch auch Hoffnung durch. Nicht minder großartig ist das Spiel von Naomi Amarger als engagierte, sensible Adoleszentin, die sich nach dem Tod der geliebten Großmutter von den vermeintlich verständnisvollen Worten eines IS-Anwerbers sowie von Verschwörungstheorien und Propagandavideos beeinflussen lässt. Alles in allem bietet "Der Himmel wird warten" eine äußerst starke Ensembleleistung.

Fazit: Ein zutiefst eindrücklicher Film über die Prozesse der Radikalisierung und Entradikalisierung im Jugendalter. Klug geschrieben, hervorragend inszeniert und eindringlich gespielt. Sehr sehenswert!





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