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Kritik: Maikäfer, flieg! (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die 1936 in Wien geborene Christine Nöstlinger ist eine der bekanntesten und meistgelesenen deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. 1973 erschien ihr autobiografischer Roman "Maikäfer, flieg!", den Regisseurin und Drehbuchautorin Mirjam Unger nun äußerst gelungen und in wunderschönen Cinemascope-Aufnahmen verfilmt hat. Der Adaption gelingt es vor allem, Nöstlingers subjektiven, kindlich-ironischen, zutiefst menschlichen Grundton zu treffen.

Wer die Vorlage kennt, könnte diverse Episoden, ja ganze Figuren vermissen. Doch für die Dramaturgie eines Spielfilms, der nicht an allen Ecken und Enden ausfransen soll, ist diese Reduktion unablässig. Das fängt bei der erzählten Zeit an. Während das Buch bereits 1944 einsetzt und bis zum Kriegsende dauert, packt der Film all seine Ereignisse in die letzten Kriegswochen 1945. Unger und ihre Koautorin Sandra Bohle streichen behutsam, verdichten klug, führen wiederholt mehrere Handlungsstränge in nur einer Sequenz oder die Geschwister von Braun in nur einem einzigen Charakter, Gerald, zusammen. Wer den Inhalt des Buchs nicht mehr präsent hat, dem dürfte das gar nicht auffallen.

Um den subjektiven Ton der neunjährigen Erzählerin zu treffen, begibt sich Eva Testors Kamera auf deren Augenhöhe, blickt mit Christl (hin- und mitreißend: Zita Gaier) durch eine blaue Christbaumkugel auf die Welt oder lugt gemeinsam mit ihr und Gerald durch Zaunlatten hindurch und hinter dichtem Blattwerk hervor. Es ist eine aus den Fugen geratene, eine verzerrte Welt. Hier hat das Medium Film gegenüber der Romanvorlage gar einen Mehrwert, vermittelt es in diesen Szenen das Geschehen doch direkt, werden wir Zuschauer gemeinsam mit den Kindern Zeuge der Ereignisse.

Die Verdichtung führt zwangsläufig aber auch zu Abstrichen. Vor allem das Verhältnis zwischen Christl und dem Feldkoch Cohn (Konstantin Khabensky) kommt deutlich zu kurz. Dafür entschädigt der Rest des Films, der sein junges Zielpublikum ernst nimmt und ihm einiges abverlangt. Das fängt bei der Entscheidung an, die Russen Russisch sprechen zu lassen und zu untertiteln, und hört damit auf, auch die Schattenseiten des Krieges (kindgerecht) zu zeigen.

Fazit: "Maikäfer, flieg!" ist die gelungene Verfilmung des gleichnamigen Romans. Regisseurin Mirja Ungers Drama aus der Sicht einer Neunjährigen ist ein mitreißendes Plädoyer gegen den Krieg und dafür, Fremden unvoreingenommen zu begegnen.





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