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Kritik: Nocturama (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Idee zu seinem siebten abendfüllenden Spielfilm hatte Bertrand Bonello lange vor den Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" und denen im 10. und 11. Pariser Arrondissement sowie in der Vorstadt Saint-Denis rund um den Musikklub "Bataclan" und das Fußball-Länderspiel, die die französische Hauptstadt im Januar und im November 2015 erschütterten. Als "Nocturama" im August 2016 in die französischen Kinos kam, war in der Zwischenzeit auch Brüssel zum Anschlagsort geworden. Nicht einmal 65.000 Zuschauer wollten Bonellos nüchterne Annäherung an den Terror sehen. Dabei ist der Thriller in mehrerlei Hinsicht sehenswert.

Es ist die Herkunft der Bedrohung, gepaart mit dem Ausbleiben einer Erklärung, die "Nocturama" ebenso spannend wie beängstigend macht. Er interessiere sich nur für das Wie und nicht für das Warum, hat Bonello im Vorfeld bei mehreren Gelegenheiten betont. Dementsprechend unvermittelt wirft er uns ins Geschehen. Gemeinsam mit Léo Hinstins Kamera kleben wir im ersten Drittel der Handlung dicht an den Figuren, verfolgen ihre sich kreuzenden Wege, ihre Gesten und Blicke, über die sie im Gewirr der Pariser U-Bahn-Linien und Straßen kommunizieren. Obwohl hier nichts gesagt und nur ein Minimum gezeigt wird, ist uns schnell klar, dass die virtuos choreografierten Bewegungen dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein gemeinsames Ziel haben und kein gutes Ende nehmen werden.

Auch in der Folge hat der Terror bei Bonello kein Gesicht oder besser gesagt: statt eines klar erkennbaren Gesichts viele verschwommene Gesichter. Während die Anschläge auf europäische Metropolen der islamistischen Szene zuzuordnen und dadurch bei allem Schrecken auch einordenbar sind, kommt die Gefahr in "Nocturama" aus allen Teilen der Gesellschaft. Religion spielt dabei nur bei einer Figur eine (untergeordnete) Rolle. Es scheint vielmehr ein Unbehagen, eine Wut auf die Obrigkeit angesichts einer ungewissen, perspektivlosen Zukunft, die diese jungen Menschen über soziale Schichten und Bildungsniveaus hinweg vereint. Wie sie zusammenfanden, auch das deutet Bonello in zwei Rückblenden nur an.

Zwischen einen furiosen Auftakt und das harte, konsequente Ende hat Bonello einen Mittelteil gerückt, in dem die Zeit beinahe zum Stillstand kommt. An die Stelle der vibrierenden Unruhe des Beginns, die sich unweigerlich auch aufs uns überträgt, tritt ein erzählerischer Leerlauf, der aber nie zum Selbstzweck verkommt. Vielmehr visualisiert der Regisseur die Stille nach dem Schuss: Anfängliche Euphorie weicht der Ernüchterung, die die Taten umso absurder erscheinen lässt. Und auch hier – wie im Finale – zeigt uns Bonello nicht alles, belässt entscheidende Momente im Off; und auch hier findet er starke Bilder, etwa wenn sich die jungen Attentäter im Konsumtempel in Gestalt von Schaufensterpuppen selbst begegnen. Dann zeigt "Nocturama" die wahre Bedrohung der Demokratie: eine Generation, die im Grunde alles hat, und dennoch keinen Sinn darin findet.

Fazit: Bertrand Bonellos "Nocturama" ist eine versierte Mischung aus Thriller und Drama über eine Serie von Terroranschlägen in Paris. All die Leerstellen, die Bonello ganz bewusst lässt, machen seinen Film erst zu einem packenden, bedrückenden Erlebnis.





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