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Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm
Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm
© Central Film © Wild Bunch

Kritik: Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Unter der Regie des Brecht-Experten Joachim A. Lang nimmt in diesem sehr ehrgeizigen, vielschichtigen Drama zum ersten Mal der Dreigroschenfilm, wie er Bertolt Brecht selbst vorschwebte, Gestalt an. Bekanntlich konnte Brecht seine eigene Drehbuchversion nie verwirklichen, weder 1931, als die berühmte Dreigroschenoper zum ersten Mal verfilmt wurde, noch später. Außerdem widmet sich eine in Berlin spielende Rahmenhandlung dem Künstler selbst, der schließlich vor Gericht zieht, und seinem Kollektiv. Zu diesem zählen der Komponist der Dreigroschenoper, Kurt Weill, seine Frau Lotte Lenja (Britta Hammelstein), die Polly-Darstellerin Carola Neher und andere. Alle Dialoge Brechts sind Originalzitate aus seinen Werken und seinem Leben.

Der aufwändig mit Gesangs- und Tanzeinlagen gespickte und opulent ausgestattete Film beweist, wie verblüffend jung und frisch der satirische Stoff der Dreigroschenoper heute noch wirkt. Die herrlich spritzigen, respektlosen Texte und Liedzeilen - "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" - bekommen einen Bezug zur Realität, wie sie Brecht im Berlin der 1920er Jahre und beim Prozess 1930 erlebte. In der verschachtelten Inszenierung wird Brechts Kunstverständnis herausgearbeitet, sein Wunsch, dem bigotten Bürgertum einen Spiegel vorzuhalten. Wenn sich die verzagten Filmproduzenten an Details stören, die das Publikum sittlich oder ideologisch provozieren könnten, ergeben sich Parallelen zur heutigen Zeit. Denn auch heute klagen Künstler über Produzenten und Fernsehredakteure, die den Geschmack und die Intelligenz des Publikums genau zu kennen glauben.

Langs Film bietet dem Arthouse-Publikum zweifellos lohnenden Genuss. Über einiges ließe sich vermutlich kontrovers diskutieren, beispielsweise über Lars Eidingers Darstellung Brechts. Mit der Zigarre im Mund, ironisch lächelnd, wartet Brecht stets mit geistreichen Sprüchen auf und scheint über den Dingen zu stehen. Erst Ausschnitte seiner originalen Rezitation des Gedichts "An die Nachgeborenen" offenbaren, wie sehr ihn, der wegen des Nationalsozialismus ins Exil gehen musste, das reale Geschehen emotional belastete. Die Verschachtelung der Erzählebenen ist nicht unkompliziert und die filmische Absicht breit gefächert. Insgesamt aber meint man in diesem wuchtigen Werk förmlich einen Appell Brechts an die zeitgenössische Filmkunst zu vernehmen, mehr Mut zu zeigen.

Fazit: Das opulente Drama des Regisseurs Joachim A. Lang schildert Bertolt Brechts Ringen um eine Verfilmung der Dreigroschenoper nach seinen Vorstellungen und lässt diese zugleich Gestalt annehmen. Die aufwändige Inszenierung mit ihren Musicalelementen und der stilvollen Ausstattung erweist sich als Genuss. Sie stimmt ein ehrgeiziges Loblied auf den Künstler Brecht und seine Kapitalismuskritik an. Diese wirkt, wie der satirische Ton der Dreigroschenoper und ihrer radikalen Filmversion, frisch, unverbraucht und verblüffend aktuell.




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