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Kritik: Vor uns das Meer (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Geschichte um Donald Crowhurst beruht auf Tatsachen. 1968 nahm er tatsächlich an dem Golden Globe Race teil, um seine Firma vor der Insolvenz zu retten. Die Teilnahme an dem Wettbewerb geriet jedoch zum tragischen Ereignis: Crowhurst log bei der tatsächlichen Angabe seiner Position (er war zu weit abgeschlagen), führte ein zweites Logbuch und beging am Ende aufgrund der aussichtslosen Lage schließlich Suizid. Inszeniert wurde "Vor uns das Meer" von dem britischen Regisseur James Marsh, der vor zehn Jahren mit der Doku "Man on wire" seinen internationalen Durchbruch feierte. Es ist sein erster Film seit dem Drama "Die Entdeckung der Unendlichkeit" (2014), das auf dem Leben von Stephen Hawking basiert.

"Vor uns das Meer" ist ein spannendes, mitreißendes (Survival-) Drama, das ganz auf seinen Hauptdarsteller Colin Firth zugeschnitten ist. Regisseur Marsh tat gut daran, den charismatischen Mimen in einer Rolle zu besetzen, in der man Firth – der bislang hauptsächlich auf die Verkörperung integrer Gentlemen oder grüblerischer Melancholiker abonniert war – bisher noch nie gesehen hat. Glaubhaft und intensiv spielt er den vielschichtigen, komplexen Charakter Crowhurst, dessen Cholerik und wechselnde Gemütszustände dem Zuschauer aber auch einiges abverlangen.

Das ist in keiner Weise die Schuld von Firth, der eine durchweg überzeugende Performance an den Tag legt, als vielmehr die des Drehbuchs. Denn das Skript stülpt Firth bzw. seiner Figur unberechenbare, zwischen Selbstüberschätzung und tiefer Verzweiflung changierende Stimmungen sowie regelrecht plakative Wesens- bzw. Charakterzüge über. Da fällt es beim Zuschauen nicht immer ganz leicht, uneingeschränkt mit dem (zweifelhaften) Helden mitzufiebern. Und Sympathien für ihn zu entwickeln. Denn oftmals ist man schlicht genervt von Crowhursts überzogenem Heldenmut oder seiner zunehmenden Bedrückung und Depression. Ganz abgesehen davon, dass er in der engen Kabine seines Bootes langsam den Verstand zu verlieren droht. Das ist zu viel des Guten.

Marsh hätte sich zudem die Fülle an schmalzigen, kitschigen Lebensweisheiten und pathetischen Phrasen ("Nehmen sie ihre Träume mit auf See") sparen können. Gelungen aber wiederum ist, wie der Film ausgewogen und dramaturgisch sinnvoll zwischen den packenden Szenen und dem Überlebenskampf auf dem Boot sowie den emotionalen Momenten in der Heimat, in denen die Familie beim Hoffen und Bangen gezeigt wird, wechselt.

Fazit: Emotionales, spannendes Hochsee-Drama mit einem konsequent gegen sein Image besetzten Colin Firth, der eine brillante Leistung abliefert. Leider ist der Charakter seiner Hauptfigur derart extrem und mit überzogen schwankendem Gemüt ausgestattet, dass diese als Identifikationsfigur nur bedingt taugt.




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