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Kritik: Bergman Island (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mia Hansen-Løve hat ihre Filme einmal als semi-autobiografisch beschrieben. Bei ihrem jüngsten, dem inzwischen siebten abendfüllenden Spielfilm der 1981 geborenen Regisseurin und Drehbuchautorin, die ihre Karriere als Schauspielerin begonnen hat, ist das nicht zu übersehen. Hansen-Løve lebt mit dem 26 Jahre älteren Kollegen Olivier Assayas zusammen und hat eine gemeinsame Tochter mit ihm. Ihr Privatleben entspricht der Figurenkonstellation in "Bergman Island".

Das Schöne an semi-autobiografischen Arbeiten ist das Spekulieren darüber, wie viel des Gezeigten echt und wie viel erfunden ist. Verarbeitet Hansen-Løve wie so viele Filmemacher vor ihr ihre Beziehungs- und Schaffenskrisen auf der großen Leinwand? Oder ist der fertige Film das Ergebnis einer durch die Arbeit an diesem Film überwundenen Krise? Spiegeln Chris und Tony Hansen-Løve und Assayas? Und sind Amy und Joseph jüngere Versionen von Chris und Tony (und Hansen-Løve und Assayas) oder verkörpert Joseph eine frühere Liebe?

Fragen über Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Vielleicht ist am Ende bereits Hansen-Løves Aussage, ihre Filme seien semi-autobiografisch, ein Spiel mit ihrem Publikum, um es hinters Licht zu führen. Einen besseren Referenzpunkt als Ingmar Bergman und die Insel Fårö hätte sich die Regisseurin allerdings kaum aussuchen können. Immerhin hat sich der große Schwede in seinen Filmen zeitlebens an seinen Eltern und seinen Frauen abgearbeitet.

"Bergman Island" ist eine kleine Hommage an den großen Schweden, in erster Linie aber ein eigenständiger, großer kleiner Film. Ein Film im Film und ein Meta-Beziehungsdrama, bei dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen. Zwei Beziehungsdramen in einem, die das Publikum auf unterschiedlichen Ebenen ansprechen. Während die Rahmenhandlung mit Vicky Krieps und Tim Roth den Intellekt befriedigt, trifft die Handlung des Films im Film mit Mia Wasikowska und Anders Danielsen Lie mitten ins Herz.

Fazit: Mia Hansen-Løves siebter abendfüllender Spielfilm ist nicht nur ihr erster englischsprachiger, sondern auch ein ausgeklügelter Film im Film. Das semi-autobiografische Werk verschränkt zwei Beziehungsdramen und das echte Leben so geschickt miteinander, dass es am Ende schwerfällt, Fiktion und Realität voneinander zu unterscheiden. Eine Übung in Metafiktion, die mal den Intellekt anspricht und mal mitten ins Herz trifft.




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