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Kritik: Die Sanfte (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die berühmte Novelle von Dostojewski, auf der "Die Sanfte" lose beruht, erschien 1876 und wurde bereits in den 1960er-Jahren erstmals verfilmt. Diese Neuverfilmung stammt von Regisseur und Drehbuchautor Sergei Loznitsa, der mit Spielfilmen wie "Mein Glück" und "Im Nebel" bekannt wurde aber auch bereits einige Dokumentationen drehte. Mit Vasilina Makovtseva engagierte er eine Schauspielerin für die Hauptrolle, die zuvor nur fürs russische TV drehte. Weltpremiere erlebte "Die Sanfte" im Rahmen der letztjährigen Filmfestspiele in Cannes.

Mit "Die Sanfte" zeichnet Loznitsa ein düsteres, zutiefst bitteres Bild vom Alltag und der Lebensrealität der Hauptfigur. Und nutzt dies als Entsprechung für den gegenwärtigen Zustand der russischen Gesellschaft, in der Hass, Demütigung, Gewalt, Vorurteile und Egoismus vorherrschen. Der moralische Niedergang eines Landes, das durchzogen ist von seinen Putin-treuen, korrupten Behörden, staatlichen Stelle und Apparaturen. In die Labyrinth-artigen Mühlen einer solchen gerät auch Alyonka, die von den Mitarbeitern des Gefängnisses eine Abfuhr nach der anderen erhält und sehr schnell merkt, dass sie von behördlicher Seite keine Hilfe bei ihrer Suche erwarten kann.

Weniger hilfsbereit und zuvorkommend als vielmehr moralisch fragwürdig und ohne jeglichen Anstand: so zeichnet Loznitsa etwa die Gefängniswärter, die hier als saufende, dauergeile und gewalttätige Unsympathen erscheinen und Alyonka am liebsten gleich dabehalten würden – als Prostituierte im Gefängnispuff. Als nicht ganz so verdorben aber doch auch ohne jegliche Hoffnung auf ein besseres Leben und als sehr verbittert erweisen sich die anderen Personen, denen "Die Sanfte" auf ihrer Reise begegnet.

Ob im Bus, in der Bahn, auf dem Postamt oder im Hotel: überall schimpfen und fluchen die missmutigen, schwermütig dreinblickenden Einheimischen über ihr Leben und regen sich über teils beachtliche Belanglosig- und Nichtigkeiten auf. Bestes Beispiel hierfür ist eine in einem heillos überfüllten Bus angesiedelte Szene, in der sich eine Frau in Rage schimpft, nur weil Alyonka mit ihrem Paket versehentlich das Bein der Mitreisenden berührte.

"Die Sanfte" ist darüber hinaus ein Film, der vom Zuschauer Durchhaltevermögen und Interesse einfordert. Nicht nur wegen seiner 140 Minuten Laufzeit sondern auch wegen seiner ruhigen, fast hypnotisch-behäbigen Erzählweise, den wenigen Schnitten und teils extrem langen Einstellungen, bei denen die Kamera schon mal für fünf Minuten oder länger auf eine Person oder ein Gebäude gerichtet ist – während sich im Hinter- oder Vordergrund Personen über unwichtige Nebensächlichkeiten austauschen oder sich, wieder einmal, über ihr schwieriges Leben beschweren.

Fazit: Schonungslose, bittere und extrem langsam erzählte Abrechnung mit dem gegenwärtigen Zustand der russischen Gesellschaft und Politik.




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