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Familiye
Familiye
© EKCF, Emre + Klein Film Capital GmbH, Filmproduktion Lynarwood UG

Kritik: Familiye (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Dieses Spielfilmdebüt der beiden deutschkurdischen Regisseure und Drehbuchautoren Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan ist eine Hommage an den Berliner Kiez der Spandauer Lynarstraße. Dort sind die beiden Filmemacher selbst beheimatet, was sich auch im Namen ihrer Produktionsfirma Lynarwood ausdrückt. Die Helden des in Schwarz-Weiß gedrehten Dramas, das auf ihrem Kurzfilm "Verzzokkt" basiert, versuchen ihr Leben gegen zahlreiche Widrigkeiten auf die Reihe zu kriegen. Halt gibt ihnen vor allen Dingen ihr Familiensinn und zum Teil auch der Kiez mit seinen Bewohnern aus dem gleichen ethnischen und kulturellen Milieu. Aber die Gesetze der Straße sind hart und der Übergang von halbseidenen zu kriminellen Geschäften fließend.

Die Independent-Produktion hat viele Zutaten eines Gangsterfilms und gleicht darin dem ähnlich energiegeladenen "Chiko" von Özgür Yildirim. Darin spielte Moritz Bleibtreu mit, der nun bei "Familiye" als Koproduzent fungiert und diesem Projekt mit Seltenheitswert in der deutschen Filmlandschaft sozusagen Geburtshilfe leistete. Viele der Darsteller sind Laien, die zudem noch Raum für sprachliches Improvisieren erhielten. So besitzen die Dialoge ein hohes Maß an Authentizität und geben die typischen Umgangsformen, die Herzlichkeit, aber auch die Rauheit wider, die in diesem Viertel herrschen. Die Handlung basiert, wie die Regisseure betonen, auf wahren Begebenheiten. Aber sie verfügt auch über ein gutes Gespür für großes Kino. Die Mischung aus dramaturgischem Ideenreichtum, Spannung, Humor und Kontemplation beweist erzählerisches Talent und verrät eine genreübergreifende Liebe zum Film.

Die Voice-Over-Stimme eines Jungen, der das Geschehen beobachtet, philosophiert vergleichend über das Zocken und das Leben. Miko hängt, wie viele andere auch, im lokalen "Casino" ab, an Spielautomaten oder bei Sportwetten. Den gefährlichen Verlockungen des großen Geldes steht der Alltag eines kleinen Bäckers gegenüber, der sich für sein Geschäft abrackert. In dieser Rolle ist der Rapper Xatar zu sehen, der auch am Soundtrack beteiligt ist. Mit so schillernden Charakteren wie der Psychiatriepatientin Silla und dem witzigen Muhammed fügt der Film dem Ernst der Haupthandlung einen Sinn fürs Naive, Utopische hinzu. Nicht gut kommt die Polizei weg, die hier in Gestalt zweier zynischer und korrupter Beamter Macht demonstriert. Aber gegen den Zusammenhalt im Kiez und seine komplizierte Ethik können sie wenig ausrichten.

Fazit: Das Independent-Drama der deutschkurdischen Filmemacher Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan ist energiegeladenes Kino, das spannende Einblicke in einen von Bewohnern mit Migrationshintergrund geprägten Berliner Kiez bietet. Die Geschichte dreier Brüder zwischen Familienzusammenhalt, Schulden und Kriminalität verfügt über eine realitätsnahe Atmosphäre, Sprache und Figurenzeichnung. In der ideenreichen Dramaturgie spiegelt sich aber auch ein ausgeprägtes erzählerisches Talent mit Sinn für Humor und Poesie.




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