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Kritik: 120 BPM (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Robin Campillo schreckt nicht vor kontroversen Themen zurück. Er schrieb das Drehbuch zur Literaturverfilmung "Die Klasse", die das französische Schulsystem kritisch verhandelt, wofür das Drama 2008 die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes bekam. Er führte Regie bei "The Returned" (Originaltitel: "Les revenants"), einem etwas anderen Zombiefilm, aus dem in Frankreich und den USA Jahre später die gleichnamigen Serien ausgekoppelt wurden. In "Eastern Boys" (2013) erzählte er eine Liebesgeschichte zwischen Straßenstrich und Jugendbande und erhielt erneut einen Preis, den als bester Film in der Reihe Orizzonti beim Festival in Venedig. Auch "120 BPM" ist bereits ausgezeichnet und widmet sich einem Thema, das in jenen Tagen, in denen die Geschichte spielt, nicht minder kontrovers diskutiert wurde.

Campillos Film arbeitet mit einer ähnlichen Guerillataktik wie seine Figuren. Erst wirft der Regisseur sein Publikum unvermittelt in eine Szene, danach klärt er es in der Rückschau über die Fakten und Zusammenhänge auf. Nathan (Arnaud Valois) dient als Vermittler. Er ist neu bei ACT UP, einer Gruppe Aids-Aktivisten, die sich in einem Pariser Hörsaal trifft, um ihre gemeinsame Vorgehensweise zu besprechen. Wenn die erfahrenen Mitglieder Thibault (Antoine Reinartz) und Sophie (Adèle Haenel) Nathan und den anderen Neuen die Regeln im Plenum erklären und kritisch auf ihre Aktionen zurückblicken, erklären sie immer auch den Zuschauern, wie es um die Lage der Aidskranken in Frankreich zu Beginn der 1990er-Jahre bestellt ist.

Robin Campillo richtet seinen Fokus ausnahmslos auf die Aktivisten. Die Gesellschaft drum herum wird nur dann Teil des Films, wenn die Figuren sich mit ihr auseinandersetzen. Was sie beruflich machen, erfährt das Publikum nur nebenbei, weil es für Campillos Geschichte keine Rolle spielt. Außer seinem Liebespaar Arnaud und Sean (Nahuel Pérez Biscayart) gestattet er keinem ein Privatleben. Der Rest der Gruppe durchläuft dieses Zeitbild in einem beständigen Wechsel aus Diskussionen, Aktionen und der anschließenden Feier in einer Diskothek. Bei einer Laufzeit von zwei Stunden und zwanzig Minuten ist das auch anstrengend, weil es mitunter mehr an eine akademische Vorlesung denn an spannendes Kino erinnert. Dass das Drama nicht zu einem staubtrockenen Seminar über sexuelle Aufklärung und politische Positionen verkommt, liegt in erster Linie an den großartigen Schauspielern und an Campillos Dramaturgie, die sich pausenlos einer Klimax entzieht.

Der in Deutschland aus "Becks letzter Sommer" (2015) bekannte Nahuel Pérez Biscayart und Newcomer Arnaud Valois spielen ihre Rollen mit-, ja herzzerreißend. Robin Campillo folgt ihrer Beziehung vom zarten ersten Abtasten bis zum letzten Atemzug. Wie er das Abschiednehmen in Szene setzt, in allen Einzelheiten schildert, ist großartig und ein viel zu selten gezeigter, weil kaum noch vollzogener Vorgang in einer Gesellschaft, die auch das Trauern längst zu einer Industrie gemacht hat. Natürlich haben auch die Figuren in "120 BPM" ein Ziel, steuert Nathans und Seans Beziehung einem Ende entgegen, das sich in Seans Krankheitsverlauf auch steigert. Doch Campillo unterläuft die Erwartungen an eine klassische Erzählung permanent. In "120 BPM" führt die Revolte, der zivile Ungehorsam der Aktivisten nicht zu einem für das Publikum erlösenden Ergebnis, wie das in einem Hollywoodfilm der Fall wäre. Und für Nathan und Sean gibt es keinen glücklichen Ausgang. In ihrer Beiläufigkeit sind die Aktionen der Aktivisten genau so austauschbar wie all die Mitglieder, die während des Films an ihrer Krankheit sterben. Das es auch Menschen gab und gibt, die diese Beiläufigkeit nicht einfach untätig hinnahmen und -nehmen, dass ruft "120 BPM" beeindruckend ins Gedächtnis.

Fazit: Robin Campillo zeichnet den Kampf einer Gruppe französischer Aids-Aktivisten Anfang der 1990er-Jahre akribisch und lebendig nach. Dank der großartigen Schauspieler, einer unaufgeregten Dramaturgie und einer beiläufigen Inszenierung schafft "120 BPM" ein würdiges filmisches Andenken an all die Opfer, die diese Krankheit gefordert hat.




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