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Der Lange Sommer der Theorie
Der Lange Sommer der Theorie
© Filmgalerie 451 © Grandfilm

Kritik: Der Lange Sommer der Theorie (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Drei junge Frauen diskutieren über die Zukunft, und zwar nicht nur über die eigene. Sie fragen nach ihrem Standort in der Gesellschaft und welchen Einfluss sie auf diese nehmen wollen. In einem Alter, in dem nach Lebenszielen, die sich lohnen, gesucht wird, sind solche Diskussionen eigentlich selbstverständlich. Aber sie werden im Film schon viel zu lange nicht mehr geführt! Wer sich den witzigen, inspirierenden, essayistischen Film der Regisseurin Irene von Alberti ("Stadt als Beute") ansieht, entdeckt, wie gut es tut, wenn Frauen im Film einmal nicht wie sonst so oft um Männer und die Liebe kreisen. Die Gespräche von Nola, Martina und Katja führen den erfrischenden Beweis, wie spannend die Auseinandersetzung mit politischer Theorie sein kann.

Wer wie Nola und ihre Freundinnen die üblichen Denkmuster durchbrechen und den eigenen Horizont erweitern will, begegnet Paradoxien und offenen Fragen. Beim Um-die-Ecke-Denken ergeben sich aber auch überraschende Entdeckungen. Den dokumentarischen Kern des ansonsten fiktionalen und theaterhaft stilisierten Geschehens bilden die Interviews, die Nola mit den Intellektuellen aus dem wahren Leben führt. Da geht es um das Interesse der 68er-Generation an Theorie und den heutigen Publikationsstress an Universitäten. Oder um die geistigen Freiräume, die Theater und Film bieten und darum, wie die eigene Lebensform das Bewusstsein prägt, aber auch einengt.

Natürlich gibt es, der linksorientierten Haltung des Films entsprechend, auch Kapitalismuskritik. Die Frage, wem der öffentliche Raum in einer Stadt wie Berlin gehört, in der überall hochpreisige Objekte gebaut werden, spiegelt sich in der Lebenssituation der drei Frauen. Denn sie müssen nicht nur raus aus ihrem Refugium, das ihnen die geliebte Freiheit im Provisorium ermöglichte, sondern sie wollen ja auch selbst Strukturen aufbauen, statt sich der vorgefertigten Außenwelt anzupassen.

Die Dialoge können auch selbstironisch die Widersprüche der Charaktere aufs Korn nehmen. Deren Lust am spielerischen Gedankenexperiment wird flankiert von surrealen, witzigen Szenen. Die Diskussionen haben etwas Gestelltes, was sie gleichermaßen engagiert und luftig wirken lässt. Dieser Film hat eine ganz erstaunliche Fähigkeit, den Geist zu beleben und aus einer passiven Konsumhaltung zu befreien. Die Interviews sind übrigens in voller Länge auf https://www.youtube.com/user/451filmgalerie veröffentlicht.

Fazit: Irene von Alberti und ihren drei jungen Darstellerinnen ist ein wunderbarer Film gelungen, der demonstriert, wie spannend das Diskutieren über Politik, Gesellschaft und die Gestaltung der Zukunft sein kann. Ein munterer Stilmix verbindet den fiktionalen Alltag in einer Künstlerinnen-WG mit Interviews, in denen Wissenschaftler und Kulturschaffende aus dem realen Leben auftreten. Die spielerische Kreativität der Inszenierung und der Ernst, mit dem in den Gesprächen nach einer theoretischen Grundlage für das eigene Handeln gesucht wird, wirken gleichermaßen inspirierend.





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