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Kritik: Clair Obscur (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Clair Obscur" ist nicht der erste Film der 57-jährigen türkischen Regisseurin Yeşim Ustaoğlu, der sich mit politischen Inhalten und gesellschaftskritischen Themen befasst. Eine heftig geführte öffentliche Debatte sowie rege Diskussionen, löste bereits ihr Durchbruchs-Werk von 1999, "Journey to the sun", aus. Ihr Drama "Pandora’s Box" um eine verschollene, an Alzheimer erkrankte Frau, brachte ihr 2008 den Hauptpreis beim Filmfest San Sebastian, ein. Ustaoğlu gab ihr Spielfilmdebüt 1994 mit "The Trace". Vor ihrer Karriere beim Film, arbeitete sie als Architektin und Journalistin.

"Clair Obscur" ist vor allem aufgrund seines formal außergewöhnlichen, spiegelbildlich angeordneten Aufbaus, ein besonderer Film. Es dauert fast eine Stunde, bis die beiden Frauen nach einem tödlichen Unfall erstmals aufeinandertreffen. Bis es soweit ist, gewährt "Clair Obscur" im regelmäßigen Wechsel sehr intime Einblicke in den jeweiligen Alltag der Zwei. Der Zuschauer wird so Zeuge der (scheinbar) so differierenden Lebenswelten der Beiden – indem der Film sie kontrastierend einander gegenüberstellt. So sieht man etwa einen sehr sinnlichen, lustvollen Liebesakt (die Liebes- und Sexszenen im Film sind ohnehin sehr freizügig) zwischen Sehnaz und ihrem Freund. Nur, um kurz darauf den – gewaltsam herbeigeführten – Intimitäten zwischen Elmas und ihrem Mann, beizuwohnen. So parallelisiert Regisseurin Ustaoğlu die beiden Lebenswirklichkeiten auf sehr intelligente, überzeugende Art.

In genau diesen Momenten (beim Austausch von Intimitäten), manifestieren sich aber auch die Gemeinsamkeiten von Sehnaz und Elmas. Obwohl sie in Sachen Bildung, äußeres Erscheinungsbild und finanziellen Möglichkeiten, nicht weiter voneinander entfernt sein könnten. Denn sie beide sind mit Männern zusammen, die Sex als Machtinstrument nutzen. Als Instrument, um ihre Dominanz gegenüber der Frau zu demonstrieren, um sie klein zu halten und zu unterdrücken. An dieser Stelle verleiht der Film den patriarchalen Strukturen einer steinzeitlichen Gesellschaft, Ausdruck. Und: den verkrusteten, männlichen Moral- und Wertevorstellungen. Denn Sehnaz und Elmas, das ist klar, sind keine Ausnahmen. Sie stehen lediglich stellvertretend für die Unterdrückung der Frau und das rückständige Rollenbild bzw. -Verständnis, das viele in der Gegenwarts-Türkei haben.

Die darstellerischen Leistungen sind durchweg brillant. Besondere Erwähnung gebührt in erster Linie Funda Eryigit und Ecem Uzun. Eryigit arbeitet viel mit Gestik und mimischer Ausdrucksweise. Oft spiegeln sich im gedankenverlorenen, schwermütigen Blick, ihre Not und ihre Angst. Dem in nichts nach steht Ecem Uzun mit einer bewegenden Performance als traumatisierte, verängstigte Elmas.

Fazit: Feinfühlig und bewegend gespieltes Frauen-Drama, dessen spiegelbildlicher, komplexer Aufbau nachhaltig im Gedächtnis bleibt.





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