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The Rider
The Rider
© Weltkino Filmverleih

Kritik: The Rider (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das US-amerikanische Independent-Kino tummelte sich schon immer gern an den gesellschaftlichen Rändern. Seit einigen Jahren greift es zudem verstärkt auf Laien und Neulinge zurück, die nicht selten eine Variante ihrer selbst verkörpern. Während Regisseurinnen und Regisseure wie Andrea Arnold ("American Honey"), Josh und Benny Safdie ("Heaven Knows What", "Good Times") oder Sean Baker ("Tangerine L.A.", "The Florida Project") ihren unerfahrenen Akteuren erfahrene zur Seite stellen, geht Chloé Zhao in ihrem zweiten Langfilm einen Schritt weiter. "The Rider" verwebt Fakten und Fiktion auf eine selten gesehene Weise zu einem einfühlsamen Neo-Western.

Chloé Zhaos Drama spielt in der Pine Ridge Reservation, einem 11.000 Quadratkilometer großen Indianerreservat in South Dakota, in der bereits "Songs My Brothers Taught Me" (2015) angesiedelt war. Während der Dreharbeiten an ihrem Debütfilm lernte Zhao dort Bradley Jandreau kennen und war von dem jungen Cowboy mit indigenen Wurzeln so begeistert, dass sie ihm in ihrem nächsten Projekt unbedingt eine Rolle geben wollte. Als Jandreau sich im April 2016 beim Rodeo lebensgefährlich verletzte und danach gegen den Rat seiner Ärzte wieder aufs Pferd stieg, hatte Zhao den Stoff dafür.

Zhaos Drehbuch ist eine nur leicht fiktionalisierte Version der wahren Ereignisse. Brady Jandreau spielt Brady Blackburn. Die im Drama gezeigte Familie ist seine eigene. Die Cowboys und Rodeoreiter sind allesamt echt; auch Lane Scott, der seine Behinderung im wahren Leben allerdings bei einem Autounfall und nicht wie im Film beim Rodeo erlitt.

"The Rider" wirft sein Publikum so unvermittelt ins Geschehen, wie er es am Ende wieder aus dem Kinosaal entlässt. Die kalten Blau- und Grautöne in den Innenräumen des von Familie Blackburn bewohnten Trailers verstärken die physische und psychische Enge. Der Kontrast zur Natur, zur Weite der Steppe, zu den erdigen Grün- und Brauntönen der Graslandschaft und zum warm leuchtenden Rot und Violett des Himmels in der Abenddämmerung könnte kaum größer sein. Joshua James Richards Kamera fängt beides eindrücklich ein und rückt so dicht an die Figuren heran, an deren äußere wie innere Vernarbungen, dass es wehtut.

Chloé Zhao hat ihr Drama ganz bewusst um ihren Protagonisten gebaut. Es gibt keine Szene, in der Brady nicht auftaucht. Das ist mehr als gewagt, geht aber auf, weil der Novize wie in seinem Umgang mit Pferden auch für das Schauspiel ein natürliches Talent zeigt. Diese Natürlichkeit verströmen auch die Dialoge. Ihre Improvisation ist ihnen zwar stets anzumerken. Dadurch gewinnen sie aber auch an Unmittelbarkeit und Wucht. Besonders das liebevolle Verhältnis zwischen Brady und seiner Schwester Lilly (Lilly Jandreau) und das intime Zusammenspiel mit seinem besten Freund Lane (Lane Scott) ist intensiv und berührend.

In "The Rider" sitzen teils blutjunge Männer gemeinsam ums Feuer und markieren den harten Cowboy. Weil sie es nicht anders kennen und weil sie nichts anderes können. Brady, der sich den Pferden stets behutsam, mit seiner ausgestreckten Hand nähert, ist im Grunde viel zu zart und feinfühlig für dieses Geschäft. Auch davon erzählt "The Rider", der seinen Abgesang auf den Wilden Westen nicht hochtrabend tragisch, sondern erfreulich vernünftig enden lässt.

Fazit: Chloé Zhaos zweiter Spielfilm ist ein leiser Neo-Western über Familie, Freundschaft und falsch verstandene Männlichkeit. Neben den beachtlichen Laiendarstellern um Brady Jandreau, spielt die Natur, ungezähmte Pferde und atemberaubende Landschaften, die Hauptrolle. Ein berührendes Porträt einer im Verschwinden begriffenen Welt.




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