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Eine bretonische Liebe
Eine bretonische Liebe
© Arsenal

Kritik: Eine bretonische Liebe (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der deutsche Verleihtitel und das dazugehörige Plakat führen etwas in die Irre. Zwar geht es in Carine Tardieus drittem abendfüllenden Spielfilm auch um die Liebe zwischen den darauf abgebildeten Hauptfiguren Erwan und Anna. In erster Linie ist die Tragikomödie aber eine familiäre, keine romantische. Im französischen Original deutet sich der Zweifel bereits an, den die Drehbuchautorin und Regisseurin in zwei Sippschaften sät und anschließend ebenso gewitzt wie unvorhergesehen wieder ausräumt.

So leichtfüßig wie Antonio Vivaldis und Wolfgang Amadeus Mozarts Musik Erwans lebensgefährliche Arbeit, das Ausgraben und Sprengen alter Weltkriegsbomben, karikiert, so leichtfüßig umtänzelt Carine Tardieu jede Bombe, die im Leben ihrer Figuren platzt. Wo andere Komödien mit Hysterie und Zoten auf die dramatischen Wendungen reagieren würden, gewinnen Erwan, Anna & Co. allen noch so unvorstellbar absurd anmutenden Situationen ihre eigenwillige Komik ab. Der Humor ist ein wenig wie die bretonische Landschaft und deren Bewohner und doch meilenweit entfernt vom Klamauk eines "Willkommen bei den Sch'tis" (2008), der Tardieus Film nicht unähnlich auf den rauen, bodenständig-direkten, aber stets herzlichen Charme des französischen Nordens setzt.

Die klug geschriebenen Charaktere wirken wie aus dem Leben gegriffen, deren vollgestellten Wohnungen wie ein Spiegel ihres Inneren, das vom über die Jahre angesammelten Ballast entrümpelt werden muss. So tief greifend die Einschnitte in deren Leben auch sein mögen, jede der Figuren begreift sie als Chance für einen Neubeginn. Für Erwan bedeutet die Suche nach seinem leiblichen auch die Auseinandersetzung mit dem vermeintlichen Vater. Der Konflikt mit seiner Tochter Juliette bringt ihn nicht nur dieser, sondern auch Juliette dem Vater ihres Kindes näher. Und durch die Begegnung mit Erwan findet wiederum Anna zu ihrem ihr fremd gewordenen Vater zurück. Folglich sind es viele bretonischen Lieben, von denen dieser Film erzählt.

Mit ihrem Ensemble hat Carine Tardieu das große Los gezogen. Allen voran der viel zu selten als Hauptrolle besetzte François Damiens und die einmal nicht glamourös in Szene gesetzte Cécile De France bringen die urkomische Mischung aus Gleichmut und Pragmatismus fabelhaft auf die Leinwand. Wie sich diese beiden und die anderen Figuren, stets die eigene Unbeholfenheit überspielend, einander annähern, ist, wie das Drehbuch insgesamt, bezaubernd und unkonventionell. Am Ende fügen sich all die außergewöhnlichen kleinen Einfälle – von den Methoden der Privatdetektivin über die Namen von Josephs Hunden bis zu Annas vorausschauender Hotelbuchung – zu einem stimmigen Ganzen.

Fazit: Carine Tardieu ist mit "Eine bretonische Liebe" eine charmant-verschrobene Tragikomödie geglückt, deren Figuren jeder noch so unvorhergesehenen Unwägbarkeit des Lebens mit einem pragmatischen Lächeln begegnen. Das tolle Ensemble harmoniert ausgezeichnet und bringt den eigenwilligen Humor glänzend zur Geltung.




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