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Kritik: Wackersdorf (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Mitte der 80er-Jahre wurde die kleine Gemeinde plötzlich im ganzen Land bekannt, als sich die geplante Anlage zu den umstrittensten Großbauprojekten in der BRD entwickelte. Regisseur Oliver Haffner drehte seinen auf Tatsachen beruhenden Film im Herbst 2017 an Originalschauplätzen in Schwandorf sowie in München. Der Film- und Theater-Regisseur wurde bundesweit 2014 durch "Ein Geschenk der Götter" bekannt, zuvor inszenierte er vor allem an größeren Theatern, unter anderem am Pfalztheater Kaiserslautern sowie am niederösterreichischen Landestheater.

Haffner erzählt sein packendes, mit viel Lokalkolorit gewürztes Drama konsequent aus der Sicht des Landrats Schuierer, der exemplarisch für die Zerrissenheit vieler Bundesbürger der damaligen Zeit steht. Beispielhaft dekliniert der Regisseur an seiner Hauptfigur in der Folge all jene Ansichten und Einstellungen durch, die man der Atomkraft gegenüber haben konnte: Man sieht Eltern, die Angst um die Gesundheit ihrer Kinder haben. Anwohner, die nicht sicher sind, was die Strahlenbelastung ihrem Körper und der umgebenden Natur antut. Kriegs- und Aufrüstungsgegner, die ganz genau wissen, wie das in einer möglichen WAA hergestellte Plutonium eingesetzt werden könnte.

Demgegenüber stehen die Befürworter des Projekts, die sich von der Anlage 3000 neue Jobs und eine Wiedererstarkung der lokalen Wirtschaft versprechen. Die Tatsache, dass es sich bei diesen Befürwortern um Vertreter aus der Wirtschaft und Politik handelt, zeigt, dass sich seit damals nicht viel verändert hat: Die persönlichen Sorgen des kleinen Mannes und mögliche Auswirkungen auf die Natur interessieren die politische Obrigkeit nicht, wenn Strukturwandel, Aufschwung, Umsatz und (angebliche) Wirtschaftlichkeit möglich sind. Aktuelles Beispiel: Der gegenwärtige Streit um den Hambacher Forst, bei dem die Frage unserer künftigen Energiepolitik hitzig diskutiert wird – wieder einmal.

Zurück zu "Wackersdorf": Haffner interessiert sich für alle Aspekte und Hintergründe des damaligen Konflikts, den er allumfassend beleuchtet – und mit authentischem Bildmaterial im TV-Format unterfüttert. So erreicht er ein noch höheres Maß an Unmittelbar- und Dringlichkeit. Denn dem Zuschauer wird auf diese Weise immer wieder vor Augen geführt: Dieser politische Wahnsinn, dieses rücksichtslose und brutale Vorgehen der (autoritären bayerischen) Staatsmacht gegenüber den Protestlern und Atomkraftgegnern, hat sich damals tatsächlich so zugetragen.

Fazit: Mit hohem Aktualitätsbezug sowie realistischem Lokal- und Zeitkolorit ausgestattetes Drama über zivilen Ungehorsam, bürgerliches Engagement und politische Verantwortungslosigkeit.




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