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Kritik: Eingeimpft (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

David Sieveking hat sich viel von Regisseuren wie Michael Moore abgeschaut. Auch die Dokumentarfilme des gebürtigen Hessen sind subjektiv und verspielt. Während Moore seine Themen – von "Bowling for Columbine" (2002) bis "Where to Invade Next" (2015) – jedoch zutiefst polemisch verpackt und stets durch die linksliberale Brille betrachtet, ist Sieveking mit leiser Selbstironie um einen differenzierten Blick bemüht.

In seinem Kinodebüt "David Wants to Fly" (2010) ging er David Lynchs Verquickung mit der der Transzendentalen Meditation auf den Grund, in "Vergiss mein nicht" (2012) begleitete er seine Mutter durch deren Alzheimererkrankung. Mittlerweile ist Sieveking nicht mehr nur Sohn, sondern selbst Vater. Und die Diskussionen mit Ehefrau Jessica, einer Impfskeptikerin, bilden die Grundlage für seinen dritten Kinofilm. Sieveking selbst ist ein Impfbefürworter, kommt durch seine Frau allerdings ins Grübeln. Die gibt ihm die Anweisung mit auf den Weg, er solle sich doch mal informieren, was der Regisseur gewohnt informativ wie unterhaltsam in die Tat umsetzt.

In den folgenden eineinhalb Stunden bahnt sich das Publikum gemeinsam mit David Sieveking einen Weg mitten durch die verhärteten Fronten aus Gegnern und Befürwortern. Es sieht dem Regisseur beim Bücherwälzen in der Bibliothek und beim Händeschütteln auf Informationsabenden, am Rande von Konferenzen und Kongressen zu. Wie gewohnt, schiebt sich der bebrillte und häufig Hut tragende Filmemacher selbst ins Bild, blickt seine Gesprächspartner unverwandt an und kommentiert das Gezeigte aus dem Off. Kleine animierte Kritzeleien machen komplexe medizinische Sachverhalte kinderleicht verständlich. Im Hintergrund lockert Jessica de Rooijs jazzige Musik die angespannte Stimmung.

Sievekings großes Plus ist seine Unvoreingenommenheit. Die Grenze zur Naivität ist fließend. Doch egal, ob echt oder für das Filmprojekt lediglich behauptet, hilft diese blauäugige Herangehensweise, um in einer überhitzten Debatte möglichst viele Zuschauer auf beiden Seiten abzuholen.

Der Regisseur nimmt die Sorgen der Impfgegner und -skeptiker ebenso ernst wie die Gegenargumente der Befürworter. Am Beispiel seiner eigenen kleinen Familie macht er das schwierige Verhältnis zwischen Kindeswohl, Gemeinwohl und den Egoismen der Eltern anschaulich. Das Abwägen und Lavieren mag vielen missfallen, die sich längst klar positioniert haben, ist aber um Längen konstruktiver als einseitig propagandistische und mittlerweile widerlegte Debattenbeiträge wie etwa die Doku "Vaxxed" (2017).

Abseits des Titelthemas zeigt "Eigeimpft" aber noch etwas ganz anderes. Den Unterschied zwischen Glauben, zwischen einer unguten Vorahnung, und Wissen, der sich mühelos auf andere gesellschaftspolitische Diskurse übertragen lässt. Gegen ein gesundes Misstrauen war noch nie etwas einzuwenden. (Gerade was die Pharmakonzerne und eine revolutionär klingende Studie des dänischen Wissenschaftlers Peter Aaby anbelangt, stößt Sievekings Recherchetiefe allerdings schnell an ihre Grenzen.) Doch sollte ein Skeptiker seine Skepsis stets überprüfen. Vermutlich völlig unbeabsichtigt legt Sieveking am Beispiel seiner Frau Denkmuster offen, die das Vertrauen aufs eigene Bauchgefühl nachprüfbaren Fakten vorziehen, was wiederum zu erschreckend verantwortungslosem Handeln führen kann, das Jessica de Rooij freilich für besonders verantwortungsvolles Handeln hält.

Am Ende findet Sieveking gemeinsam mit seiner Frau eine auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Alternative, eine Art Mittelweg, der im Idealfall auch kategorischen Impfgegnern und -befürwortern einleuchten dürfte. Dass "Eingeimpft" bereits vor seinem Kinostart von beiden Seiten vor den ideologischen Karren gespannt wird, macht allerdings wenig Hoffnung.

Fazit: Am Beispiel seiner eigenen kleinen Familie macht sich Dokumentarfilmer David Sieveking auf die Suche nach dem richtigen Umgang mit dem Thema Impfschutz. Das ist ebenso informativ wie unterhaltsam, mal reichlich naiv, aber auch stets offenherzig und ehrlich. Fundamentalisten auf beiden Seiten wird "Eingeimpft" missfallen, unentschlossenen Eltern bietet der Film zumindest einen differenzierteren Blick als mancher eindimensionale und voreingenommene Debattenbeitrag.




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