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Transit (2018)

Flüchtlingsdrama von Christian Petzold nach dem gleichnamigen, 1944 erschienenen Roman von Anna Seghers.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.5 / 5

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Es ist das Kriegsjahr 1940 in Frankreich. Die Deutschen haben Paris besetzt und dem Emigranten Georg (Franz Rogowski) gelingt im letzten Moment die Flucht nach Marseille. Er hat die Ausweispapiere und ein literarisches Manuskript des Schriftstellers Weidel bei sich, der aus dem Leben geschieden ist. Auf der Flucht stirbt auch Georgs Begleiter Heinz und in Marseille überbringt Georg dessen Frau und ihrem kleinen Sohn Driss (Lilien Batman) die traurige Nachricht.

Driss, der viel alleine ist, schätzt Georgs Gesellschaft und spielt gerne Fußball mit ihm. Aber Georg will nicht bleiben, er plant, sich als Weidel auszugeben, dem ein Visum für Mexiko zugesichert war. Die Lage in Marseille ist unsicher und die Flüchtlinge werden nur geduldet, wenn sie auf der Durchreise sind. Da lernt Georg die junge Marie (Paula Beer) kennen, die verzweifelt ihren Mann sucht, den sie verlassen hatte. Er soll sich in der Stadt befinden, hat man ihr gesagt, um mit ihr nach Mexiko auszuwandern. Auch der Arzt Richard Richard (Godehard Giese), mit dem Marie lebt, hat ein Schiffsticket, aber er will Marie nicht zurücklassen.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse3 / 5

Christian Petzolds neuer Film handelt vom Zustand des Auf-der-Flucht-Seins. Georg, Marie und die anderen Emigranten, die in Marseille Zwischenstation machen, wollen sich im Jahr 1940 vor den Nazis in Sicherheit bringen und Europa verlassen. Aber dafür benötigen sie Schiffstickets und Visa. Petzold hat keine historischen Kulissen verwendet, sondern im Marseille der Gegenwart gedreht. Auch heute gibt es in der Stadt viele Migranten. Die Polizisten, die auf der Jagd nach Illegalen durch die Straßen laufen, tragen moderne Montur und Schutzhelme. Ihr Auftreten scheint zugleich anzudeuten, dass sich auch die heutige Welt in Aufruhr befindet.

Georg, Marie, Richard und die anderen, die ihre Heimat verlassen mussten, stellen fest, dass sie in dieser Stadt nicht dazugehören und dass sie keine verlässlichen Bezüge zu anderen Menschen mehr haben. Sie verändern sich innerlich, sehnen sich nach Verbindungen und wissen doch, dass die Bekanntschaften, die sie im Hotel, im Gasthaus oder im Warteraum eines Konsulats schließen, nicht von Dauer sein können. Petzold nennt diese Flüchtlinge "Gespenster", die von der Umgebung nicht mehr wahrgenommen werden. Georg stößt den Jungen Driss vor den Kopf, der sich nach einer Vaterfigur sehnt, die bei ihm bleibt. Aber er entdeckt sein Gewissen wieder, als er sich in Marie verliebt und Anteil an ihrem Schicksal nimmt. Petzold fügt mit dem Manuskript des toten Schriftstellers, einem literarisch interessierten Konsul und einem Off-Erzähler (Matthias Brandt) eine poetische, introspektive Ebene ein. Es geht um die identitätsstiftende Kraft von persönlichen Geschichten.

Aber auch Petzolds Inszenierung nimmt mit ihrem Element der zeitlichen Verfremdung einen Verlust an Tiefe und Verankerung in Kauf. Im sonnigen, orangefarbenen Licht nimmt sich die Gegenwart doch sehr friedlich aus und die Figuren wirken eben nicht sonderlich getrieben und in Not, wie es die Flüchtlinge des Weltkriegs jedoch sicherlich gewesen sind. Die Dringlichkeit der Anliegen von Georg, Marie und Richard teilt sich in diesem bunten Ambiente nicht richtig mit. Die Parallelen zum Flüchtlingsthema der Gegenwart werden zwar sichtbar, aber sie reichen über einen diffusen Appell an Solidarität und Einfühlungsvermögen mit den Entwurzelten nicht hinaus. So wirkt dieser Film selbst irgendwie unfertig, wie ein flüchtiges Experiment oder Gedankenspiel.

Fazit: Christian Petzolds Adaption des gleichnamigen Roman von Anna Seghers weist über die im Kriegsjahr 1940 angesiedelte Handlung hinaus in die von neuen Flüchtlingsströmen geprägte Gegenwart. Die deutschen Emigranten, die in Marseille auf die Gelegenheit einer Schiffspassage in die Neue Welt hoffen, gehören zwar der Vergangenheit an, aber sie bewegen sich in der Stadt der Gegenwart. Auch dieses Mittel der Verfremdung verweist auf die Zerrissenheit und Isolation der entwurzelten Charaktere. Atmosphärisch aber funktioniert diese skizzenhafte Studie über Migration und den Verlust von Bindungen nur bedingt.




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FBW: besonders wertvollSeit Jahren arbeiteten Christian Petzold und der 2014 verstorbene Filmemacher Harun Farocki, dem der Film gewidmet ist, an der Adaption von Anna Seghers großem Exilroman. Die Schriftstellerin griff dabei auf eigene Erfahrungen während der Flucht im [...mehr]

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Land: Deutschland, Frankreich
Jahr: 2018
Genre: Drama
Kinostart: 05.04.2018
Regie: Christian Petzold
Darsteller: Franz Rogowski als Georg, Paula Beer als Marie, Godehard Giese
Verleih: Piffl Medien

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