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Kritik: Transit (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Christian Petzolds neuer Film handelt vom Zustand des Auf-der-Flucht-Seins. Georg, Marie und die anderen Emigranten, die in Marseille Zwischenstation machen, wollen sich im Jahr 1940 vor den Nazis in Sicherheit bringen und Europa verlassen. Aber dafür benötigen sie Schiffstickets und Visa. Petzold hat keine historischen Kulissen verwendet, sondern im Marseille der Gegenwart gedreht. Auch heute gibt es in der Stadt viele Migranten. Die Polizisten, die auf der Jagd nach Illegalen durch die Straßen laufen, tragen moderne Montur und Schutzhelme. Ihr Auftreten scheint zugleich anzudeuten, dass sich auch die heutige Welt in Aufruhr befindet.

Georg, Marie, Richard und die anderen, die ihre Heimat verlassen mussten, stellen fest, dass sie in dieser Stadt nicht dazugehören und dass sie keine verlässlichen Bezüge zu anderen Menschen mehr haben. Sie verändern sich innerlich, sehnen sich nach Verbindungen und wissen doch, dass die Bekanntschaften, die sie im Hotel, im Gasthaus oder im Warteraum eines Konsulats schließen, nicht von Dauer sein können. Petzold nennt diese Flüchtlinge "Gespenster", die von der Umgebung nicht mehr wahrgenommen werden. Georg stößt den Jungen Driss vor den Kopf, der sich nach einer Vaterfigur sehnt, die bei ihm bleibt. Aber er entdeckt sein Gewissen wieder, als er sich in Marie verliebt und Anteil an ihrem Schicksal nimmt. Petzold fügt mit dem Manuskript des toten Schriftstellers, einem literarisch interessierten Konsul und einem Off-Erzähler (Matthias Brandt) eine poetische, introspektive Ebene ein. Es geht um die identitätsstiftende Kraft von persönlichen Geschichten.

Aber auch Petzolds Inszenierung nimmt mit ihrem Element der zeitlichen Verfremdung einen Verlust an Tiefe und Verankerung in Kauf. Im sonnigen, orangefarbenen Licht nimmt sich die Gegenwart doch sehr friedlich aus und die Figuren wirken eben nicht sonderlich getrieben und in Not, wie es die Flüchtlinge des Weltkriegs jedoch sicherlich gewesen sind. Die Dringlichkeit der Anliegen von Georg, Marie und Richard teilt sich in diesem bunten Ambiente nicht richtig mit. Die Parallelen zum Flüchtlingsthema der Gegenwart werden zwar sichtbar, aber sie reichen über einen diffusen Appell an Solidarität und Einfühlungsvermögen mit den Entwurzelten nicht hinaus. So wirkt dieser Film selbst irgendwie unfertig, wie ein flüchtiges Experiment oder Gedankenspiel.

Fazit: Christian Petzolds Adaption des gleichnamigen Roman von Anna Seghers weist über die im Kriegsjahr 1940 angesiedelte Handlung hinaus in die von neuen Flüchtlingsströmen geprägte Gegenwart. Die deutschen Emigranten, die in Marseille auf die Gelegenheit einer Schiffspassage in die Neue Welt hoffen, gehören zwar der Vergangenheit an, aber sie bewegen sich in der Stadt der Gegenwart. Auch dieses Mittel der Verfremdung verweist auf die Zerrissenheit und Isolation der entwurzelten Charaktere. Atmosphärisch aber funktioniert diese skizzenhafte Studie über Migration und den Verlust von Bindungen nur bedingt.




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