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Kritik: Don't worry, weglaufen geht nicht (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Gus Van Sant ist mit dem Auf und Ab des Lebens vertraut. Mitte der 1980er arbeitete er sich als Independentfilmer und Vertreter des New Queer Cinema bis ganz nach oben in den Hollywood-Olymp. Seither wechseln sich Mainstreamerfolge wie "Good Will Hunting" (1997) und "Milk" (2008), für die er jeweils eine Oscarnominierung erhielt, mit filmischen Experimenten ("Gerry", "Elephant", "Last Days") und veritablen Flops ab. Für sein schmalziges Sterbedrama "The Sea of Trees" (2015) erhielt er von der internationalen Presse die vernichtendsten Kritiken seiner bisherigen Karriere. Wie der Protagonist seiner jüngsten Tragikomödie nimmt es auch Van Sant mit Humor und entdeckt alte Qualitäten.

Für die Verfilmung von John Callahans gleichnamiger Autobiografie ist Van Sant in seinen Wohnort Portland zurückgekehrt. Hier spielten schon "Mala Noche" (1986), "Drugstore Cowboy" (1989) und "My Own Private Idaho" (1991). Wie fast alle seiner Werke ist auch "Don't worry, weglaufen geht nicht" bis in die kleinste Nebenrolle vorzüglich besetzt. Dass das Schauspiel dieses Mal durchweg überzeugt, dürfte zu einem Gutteil am Drehbuch liegen.

Während Matthew McConaughey & Co. in "The Sea of Trees" an den Limitierungen ihrer von Chris Sparling eindimensional geschriebenen Figuren scheiterten, bringt das Ensemble um Joaquin Phoenix seine von Van Sant wieder selbst zu Papier gebrachten, vielschichtigen Charaktere zu voller Entfaltung. Neben Phoenix, der mit einem Wimpernschlag die Gefühlslage wechselt, brilliert Jonah Hill. Nach Auftritten in "Money Ball" (2011), "True Story" (2015) und "Hail, Caesar!" (2016) zeigt er ein weiteres Mal sein außerordentliches Talent für ungewohnt leise und nachdenkliche Typen.

Van Sants Drehbuch und Regie machen aber längst nicht alles richtig. Rooney Maras Schwedin Annu, die mehrere Frauen an John Callahans Seite in einer einzigen vereint, ist eine furchtbar undankbare Rolle. Ihr erster Auftritt gleicht einem Traum, ihre Figur einer Halluzination, die sich bis zum Filmende nie vollständig materialisiert. Während die Menschen um sie herum problembeladen, erdenschwer und plastisch erscheinen, wirkt ihre Annu bis zuletzt durchlässig, ungreifbar und wie ein Fremdkörper. In dieser Form hätte Van Sant sie besser vollständig gestrichen.

Nicht die einzige Entscheidung, die an "Don't worry, weglaufen geht nicht" irritiert. Auch die Erzählweise fühlt sich falsch an. Der Regisseur und Drehbuchautor breitet sein Biopic nonlinear aus. Zu Anfang funktioniert das prächtig. Dann verwebt die Montage die längst zur Routine gewordene Geschichte von John Callahans schwerem Autounfall virtuos auf mehreren Zeitebenen miteinander. Dann wird die Zeit von Callahans Genesung wie in einem Diaprojektor gerafft. Weil Joaquin Phoenix zwischen den Ebenen aber lediglich Outfit und Frisuren wechselt, ist nie ganz klar, wie viel Zeit eigentlich vergeht.

Van Sant interessiert all das nicht. Ihm geht es mehr um ein Gefühl, um Callahans Einstellung und seinen makabren Humor als um eine stringente, zielgerichtete Geschichte. Die menschliche Existenz gleicht einer permanenten Therapiesitzung, einem üblen Scherz. Wie seine Hauptfigur auf ihre bitterbösen Pointen kommt, schert Van Sant ebenso wenig wie eine realistische Darstellung von Alkoholismus. Callahans Cartoons, die ab und an die ganze Leinwand füllen, sind einfach da. Saufgelage mit noch so üblen Folgen sind stets amüsant. Callahans kalter Entzug wird geradezu fahrlässig harmlos geschildert. Im Grunde ist Van Sants neuer Film ein auf knapp zwei Stunden gedehnter Cartoon. Die nonlineare Narration dient dem Regisseur als Trick, kaschiert sie doch, dass "Dont' worry, weglaufen geht nicht" kaum etwas erzählt.

Fazit: Nach dem gut gemeinten "Promised Land" und dem schmalzigen "The Sea of Trees" ist Gus Van Sant mit deutlich mehr Verve und einer ordentlichen Portion schwarzem Humor zurück. Das glänzend aufgelegte Ensemble, allen voran der alle Register ziehende Joaquin Phoenix, können die Drehbuchschlampereien und die Schwächen in der Erzählung allerdings nicht vollständig kaschieren.




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