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Kritik: Jane (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit seinem jüngsten Dokumentarfilm geht Regisseur Brett Morgen ein Wagnis ein. Wie schon im hochgelobten "Cobain: Montage of Heck" (2015) über den gleichnamigen Musiker schneidet Morgen auch "Jane" voll und ganz auf seine Protagonistin zu und schöpft dabei aus einer Fülle Archivmaterial. Grundlage sind 100 Stunden bislang unveröffentlichter Aufnahmen, die Jane Goodalls späterer Ehemann, der Tierfilmer Hugo van Lawick, in den 1960ern von Goodall und ihrer Arbeit in Tansania machte. Anders als bei Kurt Cobain setzt Morgen dieser Fülle nun aber keinen vielstimmigen Chor aus Zeitzeugen entgegen, sondern verengt seine Perspektive vollkommen auf diejenige Goodalls.

Van Lanwicks atemberaubende 16-mm-Bilder wechseln mit einem Interview, das Morgen 2017 mit Goodall geführt hat und in dem sie sich an ihre Anfänge als Verhaltensforscherin erinnert. Montagen aus Fotos, Tagebucheinträgen und Briefwechseln unterfüttern die farbenprächtigen Impressionen, die durch Philip Glass' Harmonien manchmal etwas zu feierlich verstärkt werden. Über allem liegt schließlich Goodalls mit ruhiger Stimme vorgetragener Voice-over-Kommentar, den Morgen einer alten Lesung eines ihrer Bücher entnommen hat.

Das Wagnis, sich auf nur eine Sicht zu konzentrieren, glückt aus mehrerlei Gründen. Wie schon bei Kurt Cobain stellt Brett Morgen auch Jane Goodall nicht auf ein Podest, hakt an entscheidenden Wegmarken ihres Berufs- und Privatlebens kritisch nach und zeigt so den Menschen hinter dem Mythos. Dieser Mensch ist eine starke, selbstbestimmte Frau, die schon als Kind davon träumte, ein Mann zu sein, um auf Abenteuerreise gehen zu können. Ihr Selbstbewusstsein hatte sie von ihrer ebenso selbstbewussten Mutter. Verächtliche Kommentare männlicher Kollegen, ihren Erfolg habe sie nur ihren langen Beinen zu verdanken, konnten dieses Selbstvertrauen nicht erschüttern. Hier liegt Brett Morgens große andere Stärke, ganz nebenbei, über die private, der Öffentlichkeit weniger vertraute Seite Jane Goodalls die Geschichte einer emanzipierten Frau zu erzählen.

Morgen legt diese zweite, private Geschichte geradezu mustergültig in der Konstruktion des Archivmaterials an. Schon die ersten Bilder der 26-jährigen Jane lassen nicht ihre, sondern eine männliche Perspektive vermuten, die sich schließlich als Hugo van Lanwicks Blick herausstellt. Die beiden heiraten und bekommen einen Sohn. Je nachdem, wohin sie die Finanzierung ihrer Projekte verschlägt, ziehen sie ihr Kind zwischen Tansania und der Serengeti groß, bevor er in Großbritannien die Schule besucht und bei der Großmutter aufwächst.

Trotz Mann und Kind bleibt Goodall unabhängig und eigensinnig, worunter ihre Ehe und die Beziehung zu ihrem Sohn leiden. Hier hat "Jane" seine stärksten Momente; nicht nur, weil er eine Mutter zeigt, die sich viel Gutes bei der Kindererziehung der Schimpansen abschaut und doch vieles falsch macht, da sie ihren Beruf über ihr Privatleben stellt, sondern weil Jane Goodall ruhig und besonnen zu all ihren privaten wie beruflichen Entscheidungen, den Erfolgen wie den Fehlern, steht.

Fazit: Regisseur Brett Morgen zeichnet in seinem schlicht "Jane" betitelten Dokumentarfilm ein vielschichtiges und einfühlsames Porträt der berühmten Schimpansenforscherin Jane Goodall. Bislang ungesehene, atemberaubende Archivaufnahmen unterfüttern das Bild einer starken, unabhängigen Frau, die den Männern und Tieren auf Augenhöhe begegnet und zu ihren beruflichen wie privaten Niederlagen steht.




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