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Der Affront
Der Affront
© Alpenrepublik GmbH Filmverleih

Kritik: Der Affront (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der libanesische Bürgerkrieg dauerte 15 Jahre, bevor er 1990 mit einer Generalamnestie zu Ende ging. Die Wunden aber, die die grausamen Konflikte in den Seelen der Überlebenden hinterließen, sind noch immer nicht ganz verheilt. Der libanesische Regisseur Ziad Doueiri demonstriert mit diesem spannenden Gerichtsdrama, dass eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Vergangenheit überfällig ist. Im Film droht ein Funke – ein Streit zwischen zwei Männern, bei dem das Wort "Scheißkerl" fällt -, das Pulverfass zu entzünden, auf dem die Bevölkerung sitzt. Darin lagern die nie abgebauten Ressentiments, die die verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen gegeneinander hegen.

Als die Auseinandersetzung der beiden Kontrahenten das Berufungsgericht erreicht, wird sie praktisch eine öffentliche, die stellvertretend für ganze Bevölkerungsgruppen geführt wird. Yasser, der Palästinenser, hat viel Leid erlebt und darf als geduldeter Flüchtling seinen Beruf des Ingenieurs nicht ausüben. Wenn einmal die Bemerkung eines Libanesen fällt, wer Arbeit hat, wolle nicht mehr weggehen, scheint die globale Aktualität des Filmthemas auf – denn auch in Deutschland werden Flüchtlinge von manchen als unliebsame Konkurrenten betrachtet. Toni schleppt ein Bürgerkriegstrauma mit sich herum, das seine neue Rolle als Familienvater gefährdet. Die Geschichte führt auf emotional spannende Weise den Dominoeffekt vor, der die ganze bürgerliche Existenz eines Menschen einreißen kann, nur weil er die Beherrschung verliert. Yasser und erst recht der sture Toni verhalten sich selbstzerstörerisch, ohne es zu merken.

Die Dramaturgie steckt jedoch voller Wendungen, die ein immer profunderes Bild der Handlungsmotive auf beiden Seiten aufzeigen. Die Zuschauer im Gerichtssaal schreien sich ihren Hass entgegen, den beiden Streithähnen wird mulmig, weil die Anwälte das Feuer weiter schüren. Aber die Exkurse in die Vergangenheit der beiden Männer mehren letztlich das Verständnis für ihre Lage. Man könnte dem Film stellenweise vorwerfen, dass er die Anwälte, besonders Wajdi, lange Reden mit Passagen schwingen lässt, in denen theoretisiert und auch vom Kern abgelenkt wird. Insgesamt aber überzeugt die zweigleisige Strategie des Films, nicht nur die glaubwürdigen Charaktere selbst zu betrachten, sondern auch die gesellschaftliche Dimension des Konflikts.

Fazit: Der Regisseur Ziad Doueiri legt in diesem fesselnden Gerichtsdrama die im Bürgerkrieg geschlagenen Wunden frei, die der libanesischen Gesellschaft auch 30 Jahre nach seinem Ende zu schaffen machen. Am Beispiel eines Streits zwischen einem radikalen Christen und einem Palästinenser, der die Öffentlichkeit polarisiert, demonstriert er die trügerische Hoffnung auf einen sozialen Frieden, der auf Verdrängung der Vergangenheit basiert. Während man mit den Charakteren mitfiebert, schraubt sich die Dramaturgie gekonnt in tiefere Schichten des Konflikts. So entsteht ein erhellender Diskurs über die ethnischen Spannungen in der Gesellschaft.






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