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Kritik: In den Gängen (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das stille Drama, das Regisseur Thomas Stuber ("Teenage Angst", "Herbert") inszeniert hat, begleitet den neuen Mitarbeiter eines Großmarkts in seinem Alltag. Während sich der schweigsame Christian mit den Arbeiten und Abläufen im Markt vertraut macht, wächst er immer mehr in das soziale Gefüge hinein. Der Supermarkt wird schon bald sein wahres Zuhause. Schließlich ist es schon dunkel, wenn Christian mit dem Bus zu seiner Wohnung fährt, in der niemand auf ihn wartet. Der Film, der auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Clemens Meyer basiert, ertastet mit zärtlicher Poesie das verhaltene Zusammengehörigkeitsgefühl der Großmarkt-Mitarbeiter.

Das Drama folgt der Perspektive seines Hauptcharakters Christian und bleibt nah an seinen Gefühlen dran. Das ist an sich schon eine beachtliche Leistung, denn der junge Mann redet kaum. Aber Franz Rogowski gelingt es scheinbar mühelos, mit Blicken und unauffälligen Gesten Sympathien für diesen Charakter zu wecken, zu zeigen, dass er sich integrieren und seinen Beitrag leisten will. Es ist spannend, wie er die ersten Hürden nimmt in der Begegnung mit Kollegen, die Respekt einfordern, auf die Hierarchie pochen. Marion zieht ihn mit einem verschmitzten Lächeln immer als "Frischling" auf. Die Beziehung zu ihr zu vertiefen, ist schwer, nicht nur wegen Christians Schüchternheit. Die Dialoge sind flüchtig, im Vordergrund steht immer die Arbeit. Sandra Hüller verleiht Marion eine geheimnisvolle, verspielte Aura, hinter der das private Leid, über das im Betrieb gemunkelt wird, meistens unsichtbar bleibt.

Bruno ist ebenfalls bemüht, sein privates Ich hinter einer Fassade des Funktionierens zu verstecken. Peter Kurth spielt diesen Mann hervorragend als väterlichen Kollegen, der sich vor seinen Gefühlen fürchtet. Die meiste Zeit verbringt der Film, wie die Angestellten auch, in den Gängen des Markts, unter dem künstlichen Licht. Die Abläufe werden liebevoll choreografiert, die tägliche Routine spendet Geborgenheit, die Bewegungen des Gabelstaplers wirken präzise und fließend. Wenn der unsichere Christian ihn steuert, folgt man ihnen regelrecht gebannt. Ein paarmal schildert Christian unvermittelt seine Eindrücke in Voice-Over, wie von ferne, in der Rückschau. Allen Figuren ist eine gewisse Hilflosigkeit und Verlorenheit zu eigen, die die Funktion des Markts als sicherem Hafen in ihrem Leben zugleich verstärkt und relativiert. Man schaut diesem gedämpften Treiben gerne zu, wenngleich die Geschichte ein wenig zu sehr in die Länge gezogen wirkt.

Fazit: Regisseur Thomas Stuber verfilmt die gleichnamige Erzählung des Schriftstellers Clemens Meyer zu einem stillen Drama über das eigentümliche soziale Gefüge am Arbeitsplatz Großmarkt. Ein schweigsamer neuer Mitarbeiter integriert sich, gewinnt einen Kollegen als väterlichen Mentor, verliebt sich in eine Angestellte. Die verhaltenen Beziehungen der Beschäftigten untereinander verleihen diesem poetisch angehauchten Film eine reizvolle Spannung.




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